460. Ein Leben ohne Casting? (TVS 22/12)

Vor einigen Tagen erschütterte ein Interview die Medienwelt und führte zu Verzweiflung und Selbstmordversuchen in zahlreichen Fernsehanstalten. Anke Schäferkordt, visionäre RTL-Chefmutter und Erfinderin des ‚Innovation imitierenden Kreativ-Moratoriums’, soll bei einer Präsentation in Österreich davon gesprochen haben, dass wohl ‚der Zenit der Castingshows in zwei bis drei Jahren überschritten’ und ‚dann damit auch Schluss’ wäre. Ein Satz, der wie eine Bombe in den Ruheräumen der gemütlich schlummernden Programmentwickler einschlug. Ein TV-Leben ohne Casting? Welch furchtbare Vorstellung, und das nicht nur für den selbstbewussten Siegersender RTL, der seit gefühlten hundert Jahren seine gesamte Prime Time – Unterhaltung unverändert auf den Variationen des Casting-Prinzips aufbaut. Auch die Konkurrenten zeigten sich erschüttert, denn würde RTL wirklich eines Tages seine bisherigen Formate einstellen – was sollte man dann noch kopieren? Eigene Ideen haben schließlich noch nie funktioniert und machen oft auch ganz doll Aua im Kopf. Sogar im Ersten soll einmal das Telefon geklingelt haben, denn anscheinend hatte man dort vor, in ca. zwölf Jahren ebenfalls mit einer eigenen Casting-Variante on Air zu gehen, wenn man die bereits existierenden in den Gremien ausreichend diskutiert, bewertet und für das ARD-Publikum assimiliert habe.
Allerdings relativierte die RTL-Presseabteilung sofort vehement diese Meldung. Anke S, die Angela Merkel des Privatfernsehens, habe niemals so schmutzige Wörter wie ‚Schluss’ in den Mund genommen. Das Casting-Business boomt stärker als je zuvor, die Menschen lieben es und wollen gar nichts anderes, die neue SUPERTALENT-Staffel sei sogar die allertollste Unterhaltungsshow des Universums, Bohlen & Gottschalk zudem das spektakulärste Entertainment-Duo seit Dick & Doof oder Arsch & Eimer, und überhaupt könne man sich bei RTL gar nicht so oft am Spiegel einen runterholen, wie man aus lauter Begeisterung über die eigene Großartigkeit einen Ständer habe. Also keine Panik, Fernsehen – alles halb so schlimm. Auf die ultimative Schreckenswaffe ‚Nachdenken’ sollte nur in allerletzter Konsequenz zurückgegriffen werden. Neue Ideen könnten schließlich das ganze TV-Gefüge zusammenbrechen lassen!

STARS AM ENDE

1. Verbaler Neustart

Große Umkrempelwochen in SAT1! Keine schöne Aufgabe, gerade jetzt dort die Aufgabe zu bekommen, den großen Haufen vermurkster Matschepampe wieder zu einem richtigen Sender zu formen. Man versucht es trotzdem – und wenn man noch keine besseren Inhalte hat, hilft aber immer zumindest ein brandneuer Hammer-Slogan, der das Publikum in den Bann zieht. Also weg mit COLOUR YOUR LIFE – klang eh nach einem Mix aus Waschmittel und Malen nach Zahlen – und her mit FREUT EUCH DRAUF! Okay, theoretisch gern – nur worauf eigentlich? Und hab ich Ihnen überhaupt das ‚Du’ angeboten, Herr Sateins? Solange Sie nämlich noch solch einen uninspirierten Dünnpfiff senden, möchte ich mich von jeder Art verlogener Kumpanei deutlich distanzieren!

2. Umgebaute Mütter

Menschenfreundsender ProSeven nimmt sich endlich eines Problems an, zu dem viel zu lange geschwiegen wurde: falsch gestylte Mütter! Denn viele Töchter leiden ganz furchtbar unter ihren verrückten Mamis, die sich zu cool für ihr Alter kleiden und dann voll peinlich sind. Oft verursacht das ein Trauma fürs Leben. Aber jetzt kommt HOTTER THAN MY DAUGHTER – die ultimative Mutti-Umbau-Doku, in der unter Leitung eines crazy aufgedrehten Beauty-Teams die fehlgeleiteten Erzeugerinnen auf den Pfad der modischen Tugend zurück gebracht werden sollen. Schöner wäre allerdings, wenn wir Zuschauer irgendwann mit einem Brain-Team vernünftiger Menschen alle Sender umstylen dürften, die uns peinlich sind. Da gäbe es wirklich was zu tun!

3. Hungrige Singles

Auch mit neuem Slogan bleibt SAT1 den schlechten Ideen treu. So soll wohl der ohnehin grausige Vorabend im Wasserball-Channel durch eine weitere dusselige Kuppel-Doku namens MESSER, GABEL, HERZ erweitert werden. Klingt schon mal toll: billige Bumsanbahnung plus Kochrezepte, müsste ein Knaller werden! Vielleicht geht es aber auch nur um Innereien-Tausch, Kennenlernen beim gemeinsamen Abwasch oder Knuddeln mit Kannibalen. Was auch immer – auf jeden Fall wird irgendwann dem Publikum das Essen dabei hoch kommen.

2017-02-10T01:40:07+00:00

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Hier schreibt der Chef.

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