451. Freunde, Feinde, Länderpunkte (TVS 13/12)

Alljährlich wenn der Sommer naht, quält die Deutschen eine wichtige Frage: Wohin im Urlaub? Einige entscheiden sich für das eigene Land, manche bereisen den berüchtigten Zwergenstaat Balkonien und andere schrauben einfach den Arsch ins Sofa, bis endlich wieder Herbst ist. Bevorzugt man allerdings den gefühlt europäischen Raum, so ist und bleibt der Eurovision Song Contest immer noch die beste Auswahlhilfe zum Finden des perfekten Reiseziels. Einerseits sieht man dort jeweils ein Beispiel der landestypischen Folklore und weiß somit Kultur und Menschen einzuschätzen, vor allem aber scheiden sich bei der Punktevergabe die wahren Freunde von den gierigen unehrlichen Devisendieben mit schäbigem Charakter. Auch 2012 war der Wettbewerb äußerst aufschlussreich.

Bei den Griechen weiß man derzeit ohnehin nicht, ob sie einem die Hand ausgestreckt zum Dank oder als Faust in die Fresse drücken möchten. Im Voting allerdings siegten die aus den Medien bekannten ‚stinkfaulen Euro-Hass-Griechen’, deshalb Zero Points von den Ouzo-Duschern. Das Land des Schnetzelns ist somit genau so von der Speisekarte gestrichen wie ihre Drehspießbrüder aus der Türkei, die uns ebenfalls mit kompletter Punktlosigkeit beleidigten. Essen wir jetzt halt beim Estländer, von dem gab es Ten Points. Für die Ferien aber vielleicht nicht so doll (klimatisch grenzwertig und noch kleiner als Niedersachsen!), man macht ja auch nicht Urlaub in Großburgwedel. Alternativ bleibt immerhin noch die Mehrfamilienhütte in Dänemark, Steilküstencamping in Portugal, Kleeblätter sammeln in Irland oder Gulaschverkostung in Ungarn, dort war man überall großzügig. Mit immerhin acht Punkten zeigten sich auch die Italiener recht anständig, aber auf die konnte sich Deutschland ja schon immer verlassen. Na ja, jedenfalls anfangs. Null Punkte gab es von Israel, keine Ahnung was die gegen uns haben. Genau so wie Aserbaidschan, Moldawien, Island und Mazedonien – aber wisst Ihr was? Zu Euch wollte ich sowieso nicht, ätsch! Gebe ich meine schönen stabilen Merkel-Mäuse halt anderswo aus, wo man uns und unsere Kunst noch schätzt… Lettland hat bestimmt auch schöne Ecken! Schweden ist jetzt zwar Siegermacht, hatte für uns aber nicht mal einen Gnadenpunkt übrig, dann schleime ich mich da auch nicht ein. Nun gut, Schwamm drüber, macht ja nix. War doch alles nur Show. Und wir Deutschen sind schließlich nicht nachtragend! Aber wir haben ein gutes Gedächtnis…

STARS AM ENDE

1. Balla Balla

Endlich Qualitätsfernsehen! Schmierlappen-Paul, der neue Bachelor (und laut RTL ultimativer Eisprung-Beschleuniger für alle Zuschauerinnen im vorgezogenen IQ-Klimakterium) bekommt eine eigene PUNKT 12 – Rubrik zur Europameisterschaft! Pauls Fussball-Flirt soll wichtige sportliche Themen aufgreifen wie z.B. Flirten beim Public Viewing, Quickie bei der Torwiederholung oder Romantik-Rammeln bei Waldis EM-Club. Passt prima: Schlabberzunge Paul hat schon mal besoffen gekrökelt, ist testosteronbedingt dauerspitz und zudem auch nicht klüger als der dusseligste RTL-Zuschauer. Und ohne diesen doofen Fußball kann man endlich auch Frauen das Thema EM näher bringen!

2. Banale Begleitung

Noch ein Format mit ohne Fußball aber irgendwie doch: Lothar – immer am Ball! Spät abends zur besten Restesendezeit präsentiert uns VOX das ‚spannende und nicht vorausschaubare’ Leben des Loddar Matthäus, direkt aus dem Schwarzen Loch der Bedeutungslosigkeit. Wir sind live mit der Kamera dabei, wenn er den Wiener Opernball besucht, Spiegeleier in Budapest brät oder beim Kacken in Dubai merkt, dass das Papier alle ist. Und wir dürfen wieder einmal glücklich erkennen, dass Geld und Ruhm allein eine ausgeknipste Birne auch nicht zum Leuchten bringen.

3. Bimmel-Blamage

Lange her, doch unvergessen: Bimmel Bingo bei TV Total. Unangekündigt wurde damals nachts live bei Leuten geklingelt und die Kamera drauf gehalten, wenn die verdutzt und müde die Tür öffneten oder die Jalousie runter ließen. Und wenn die dann auch noch alt waren oder im Schlafanzug, nässte sich das coole ProSeven-Publikum schier ein vor Lachen über das abgefilmte Proletariat. Hat zwar gedauert, aber jetzt wurden ihnen zur Strafe zumindest 75.000 Euro geschätzte Werbe-einnahmen aberkannt. Schön wenn die Gerechtigkeit irgendwann doch mal siegt. Hätte allerdings ruhig etwas mehr sein dürfen!

2017-02-10T01:40:08+00:00

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Hier schreibt der Chef.