449. Die Gnade der Unwissenheit (TVS 11/12)

Eine ungeschriebene Regel im TV-Geschäft: Verantwortliche dürfen niemals ihre eigenen Programme schauen! Zum einen aus Selbstschutz: sie könnten verzweifeln, vielleicht weinen, vor Scham im Erdboden versinken, wenn sie wirklich wüssten, was sie ihrem Publikum da größtenteils für eine unzumutbar erbärmliche Grütze vor die Füße kötteln. Damit sie aber auf Medienpartys stets in aufrechter Selbstzufriedenheit die Shrimpshäppchen lutschen können, muss man sie in dem Glauben lassen, mit den Hollywood-Stars aus den Sendertrailern persönlich befreundet zu sein und in Wirklichkeit großartige Formate zu produzieren, die so preisverdächtig wie erfolgreich sind und von den Menschen innig geliebt werden.

Zum anderen ist es wahnsinnig gefährlich, wenn Mitglieder der Vorstandsetage oder Geschäftsführung zufällig das eigene Programm sehen, weil sie sich danach stets bemüßigt sehen, inhaltlich etwas dazu zu sagen. Eine tödliche Bedrohung für alle kreativen und innovativen Formate, da diese in großen Sendern dem verfrühten Tod durch Gruppendiskussion nur dann entgehen können, wenn möglichst niemand Wichtiges im Hause von ihrer Existenz weiß. Höchst riskant wird es, wenn Äußerungen zum Programm von hoher Stelle aus naiv in der Öffentlichkeit ausgeplappert werden. Vor allem bei der ARD, dort ist ja quasi jeder irgendwie Chef von irgendwas oder glaubt es zumindest. Aktuell hat gerade der mysteriöse WDR-Rundfunkrat, wer auch immer das sein mag, in den Medien herausposaunt, es gäbe viel zu viele Talk-Shows im Spätprogramm des Ersten! Und wer daraufhin einmal sorgfältig nachzählte, musste merken: Potzblitz, das stimmt sogar! Im Grunde jeden verdammten Abend das gleiche nutzlose Gelaber, immer mit denselben Gästen und Themen im ewig währenden Blabla-Kreislauf der Unerträglichkeit. Wobei brandheiße Topics natürlich keine Mangelware sind, wie jüngst bewiesen bei Hart aber fair mit Sonja Kraus zur Frage, warum die Deutschen so gern in den Baumarkt gehen. Brisant, aktuell und hoch politisch, bei so vielen ‚Dünnbrettbohrern’ im Parlament, zwinker kniep ROFL lach! Schon befürchten die anderen angeschlossenen Funkhäuser, irgendwer könnte als nächstes die Anzahl der Boulevardmagazine, Telenovelas, Regionalkrimis und Quiz-Shows bei facebook posten. Pilawa ließ im ZDF daraufhin bereits sämtliche Taschenrechner vernichten und eine Pressemitteilung herausgeben, dass er für unbestimmte Zeit auf Toilette wäre.

STARS AM ENDE

1. Nacherzählt

Manche Banalitäten laufen so lange unbemerkt vor sich hin, dass sich irgendwann gar keiner mehr darüber aufregt – bis man sie dann versehentlich mal wieder sieht. So ging es mir mit RTL’s Die zehn…: im Grunde nichts als die ewige Recycling-Leier alten Schnittmaterials plus eine Handvoll Popelpromis vor der Bluescreen. Inzwischen allerdings fast ausschließlich mit Ex-Dschungel/ Casting/Flipchart-Vollgurken aus der Ganzdoofen-Zucht, die selbst zum Kommentieren zu dämlich sind und deshalb das gesamte (in Zeitlupe bereits mehrfach wiederholte) Geschehen nur nacherzählen und mehrfach wiederholen. Quasi eine als Show getarnte Zeitschleife für extrem verständnisgestörte Zuschauer mit kräftigem Waffelbruch nahe an der klinischen Blödigkeit.

2. Abrasiert

Fast zehn Jahre ist es her, dass Musketierschnauz Lenßen und seine Partner in SAT1 die Ära des dahingepfuschten Billigkrimis einläuteten, um zu beweisen, dass man zur Herstellung von TV-Unterhaltung keine Fachkräfte benötigt. Nach einiger Zeit wurden sie dank Quotenermüdung abgesetzt, aber weil die Ersatzgrütze noch schlechter lief, holte man Lenßen (aus Kostengründen ohne Partner) wieder zurück aus der Mülltüte. Ging aber auch in die Hose und jetzt wird die gezwirbelte Rotzbremse im Sommer endgültig aus dem Programm rasiert. Die Trauer hält sich in Grenzen.

3. Ausgelacht

Wer hätte gedacht, dass sich eines Tages irgendwer das seichte Humorlüftchen 7 Tage – 7 Köpfe zurück wünschen würde? Tut man aber, wenn man sich das grausige Remake Die RTL-Comedy-Woche antut, in dem vier bewährte Solo-Spaßvögel zusammen hilflos durch aktuelle Themen flattern, mäßig gelernte Pointen verstottern und versuchen, Teile ihrer Live-Programme ins Gespräch zu mogeln. Derart erschreckend banal, albern und nichtssagend, dass einem selbst das kleinste Lächeln im Halse verreckt. Allein weiß jeder von ihnen sein Publikum zu unterhalten – gemeinsam sind sie unerträglich!

2017-02-10T01:40:09+00:00

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Hier schreibt der Chef.