442. Ein Prosit der Bestechlichkeit (TVS 04/12)

Die popelig-peinliche Affäre um das mutmaßliche Gemauschel des charismatisch minderbegabten Bundespräsidenten-Azubi Christian Wulff zieht immer weitere Kreise. Da er sich strikt weigert, den Kleister vom Pöter zu kratzen und seinen Stuhl zu räumen, einfach nicht mehr raus geht und den Bellevue-Eingang mit einem neuen ikea-Sofa blockiert hat, besteht wohl kaum eine Chance, den müden Grinser loszuwerden.

Freiwillig geht er jedenfalls nicht, dann bekäme er auch Ärger mit seiner Frau, hört man. Deshalb bleibt er mit sanftem Lächeln einfach ganz still sitzen und hält sich Augen und Ohren zu, bis die Wundheilung der Zeit das einst so ehrenhafte Amt mit dem Schorf des Vergessens überzogen hat. Hofft er jedenfalls.
Derweil nehmen die Vorwürfe und Anschuldigungen allerdings keineswegs ab. Jedes genutzte Sonderangebot, jeder unschuldig eingestrichene Millionenkredit und jedes unvollständig beklebte Rabattmarkenheft wird durchleuchtet. Ganz nebenbei leiden außer dem stoischen Osnabrücker eigentlich alle darunter: das Amt, die Medien, die Politik, Freunde, Feinde, Leute die ihn gar nicht kennen, die verarschten Bürger, das Land und alle drum herum. Selbst die schöne Korruption an sich leidet.

Man fühlt sich regelrecht schuldig, wenn man sich heute von der GEZ befreien lässt, von der eigenen Mutter etwas geschenkt bekommt oder die Tüge Chips im Lidl um ein paar Cent runter handelt. Aber gerade wir vom Fernsehen leben davon, deshalb geht man ja überhaupt nur dahin! Politiker natürlich auch, nur bei denen ist das blöderweise illegal. Weil die halt selten von der Wirtschaft ohne Erwartung einer Gegenleistung mit Geld beworfen werden, nur weil man sie halt so sympathisch findet. Aber so hier und da mal was Nettes annehmen und sich dafür ein klein bisschen dankbar zeigen ist schließlich keine Bestechung, sondern einfach Höflichkeit.

Ist halt keine dankbare Aufgabe, für andere verantwortlich zu sein und nicht nur für sich selbst, das doofe Volk dankt es einem noch nicht einmal. Die Wirtschaftsbosse zeigen sich wenigstens erkenntlich, wenn man was für sie getan hat, der kleine Mann von der Straße pöbelt einen nur an, wenn man was falsch gemacht hat. Bundespräsi ist echt der letzte Scheißjob, von wegen Würde – am Arsch! Endlich könnte man mal Spaß haben, darf aber nicht. Zu sagen hat man auch nix. Und alle machen einen nur fertig. Da wird man doch lieber Volksmusikant, Moderator im Frühstücksfernsehen oder trinkt Schweinesperma im Dschungelcamp. Da hat man wenigstens was davon!

STARS AM ENDE

1. Brutaler Beuteklau

Sender sind unerbittliche Raubtiere in der Wildnis der Fernsehlandschaft. Nicht nur ihren Konkurrenten, sondern auch den eigenen Verwandten gegenüber. Nehmen wir z.B. die harmonische Sat1P7-Media-Group-GmbH-&-Weltherrschaft-Family. Nicht nur dass Mama und Papa von beiden Seiten die Reißzähne tief in das Filetstück The Voice gruben und daran rissen, jetzt klauen sie sogar ihrem Kleinen die Knochen! Kabel 1 muss seine Fettverbrennungs-Doku-Soap The Biggest Loser jetzt nämlich wegen des großen Erfolgs an Sat1 abgeben, weil denen trotz eines ganzen Nachmittags Brainstorming einfach nichts Eigenes mehr einfällt. Dicke Verarsche!

2. Pilawa Reborn

Vor einiger Zeit verließ Jörg Pilawa die ARD, weil er nicht irgendwann als Quiz-Onkel enden wollte. Kann man ja verstehen. Deshalb ging er zum ZDF, um dort dem Publikum einen ganz neuen Pilawa zu präsentieren! Klar, erst mal mit nem Quiz, damit die sich nicht gleich erschrecken. Aber dann wird nachgelegt – mit einem zweiten großen Quiz! Haha, das hatte keiner vermutet! Macht aber Sinn, denn ein Quiz im ZDF fühlt sich ja ganz anders an als in der ARD, auch wenn es fast exakt genau so aussieht. Wenn er wirklich schlau ist, legt er so schnell wie möglich ein drittes, noch größeres Quiz-Format nach, um von den anderen abzulenken – damit keiner mehr auf die Idee kommt, er können nix anderes!

3. Ungefragte Überfleischung

Das neueste blasenhirnige Kunstwesen aus der bizarren Zwischenwelt des Medien-Dschungels, das sich freiwillig zur Rundum-Vermarktung feilbietet, heißt Micaela Schäfer, eine Art fehlkonstruierte Porno-Barbie mit unkontrollierbarem Nacktwahn. Weiß nix, kann nix und tut nix, außer der Welt ungefragt ihre prallgespritzten Kugelbrüste darzureichen. Und wenn’s geht auch noch den Arsch und was sonst so alles am Körper rumhängt. Liebt theoretisch schmutzigen Sex und so was, verwechselt aber Erotik mit abschreckend billiger Übersexung. So als würde der Metzger Kleidung aus Fleischwurst tragen. Will einfach keiner mehr haben, wenn es so plump dargereicht wird.

2017-02-10T01:40:09+00:00

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Hier schreibt der Chef.