433. Sündenpfuhl Volksmusik (TVS 21/11)

Es gibt Nachrichten, die sind so bestürzend, dass sie einem quasi den Boden unter den Füßen wegreißen. So wie kürzlich, als in zahlreichen hoch seriösen Boulevard-Revolverblättern Mutmaßungen darüber zu lesen waren, hinter den Kulissen der Volksmusik wäre die Welt gar nicht so heil wie wir immer alle dachten!
Anlass für diese ketzerische Behauptung waren Gerüchte, in der Vorzeige-Ehe des vokalarmen Blasebalgs Stefan Mross und seiner blondgelockten Sangesgattin Stefanie Hertel würde es vielleicht kriseln, obwohl sie auf Bildern immer noch lächeln. Eine Meldung von höchster Brisanz, die wie ein Hurrikan durch die Medien wirbelte und selbst den kurz vor dem Umkippen stehenden Sack Reis in China zeitweilig um seine Popularität fürchten ließ. Doch auch wenn diese schockierende Schmuddelaffäre uns alle im Grunde einen Wildecker Herzbubenschiss angeht, so stürzte sie doch nicht nur mich in eine ernste Glaubenskrise.

Soll alles nur Lug und Trug gewesen sein, was mir jahrelang Herz und Pansen erwärmte? Waren die ehrlich empfundene Vaterlandsliebe, das einbetoniert psychotische Dauerlächeln und die allzeit aus sämtlichen Körperöffnungen strahlende Fröhlichkeit nichts als Fassade? Führt etwa gar nicht über jedes Bacherl auch ein Brückerl, und hole ich mir vielleicht gar einen nassen Arsch beim vertrauensvollen Überqueren des so zärtlich besungenen Wasserlaufs? Bislang war unsere Welt für mich nichts als ein vermurkster Haufen ins Universum geschissenen Irrsinns in Kugelform, gut gemeint aber hoffnungslos vergurkt. So mit Krieg und Hunger und RTL und allem.

Aber wenn ich vom zynischen Fatalismus ermüdet den Musikantenstadl einschaltete, dann dachte ich stets: so hatte sich der liebe Gott das wahrscheinlich vorgestellt. Zufriedene Menschen, die friedlich lächelnd im gleichen Takt schunkeln, vielleicht nicht gerade mit Intelligenz überladen, aber bierselig eingelullt in die Freude über die eigene Existenz. Die das Glück auch in den kleinen Dingen des Lebens finden oder wenn die neue Cordhose nicht in der Kimme kneift. Dazwischen Dirndl-tragende Engelswesen mit Jodeldiplom und schnauzbärtige Vokuhila-Apostel der Herrlichkeit, die mir zum Erhalten der hoffnungsfrohen Botschaft mit himmlischen Melodien die Eier auf Empfang drehen. Ehrliche Gefühle und moralische Sauberkeit statt heimlichem Saufen, Koksen und Nutztiere nageln, das hatte ich jedenfalls immer gedacht.
Doch jetzt habe ich meinen Glauben verloren. Wenn das so weitergeht, dann zweifle ich demnächst auch noch an der Unfehlbarkeit des Papstes oder dem Wahlsieg der FDP!

STARS AM ENDE

1. Am Ruhm geleckt

Bizarre Medienwelt: Da rappt und hip-hoppt man sich als MARTERIA jahrelang unrasiert in Schlabberhosen den Arsch auf, aber kaum jemand nimmt Notiz von einem. Doch kaum schiebt man mal rein privat der ollen Schlonze vom Zweit-Schumi die Zunge ins Ohr und lässt sich dabei knipsen, drehen alle durch und man wird über Nacht zum Boulevard-Star Numero Uno! Wenn auch nur unter dem neuen Pseudonym ‚Cora-Schlecker’, was ab jetzt aber bitte kein Thema mehr sein soll. Wir merken uns die Regel: Wer stets am rechten Promi leckt, wird auch vom Feuilleton entdeckt!

2. Im Müll gerührt

Wenn man als Genrebezeichnung für die eigenen Formate nicht immer ‚Billige Scheiße’ in der TV-Zeitschrift lesen will, muss man sich als Fernsehmacher regelmäßig frisch-kreative Genre-Bezeichnungen für den eigenen peinlichen Müll zurechtkoksen. So wie ‚Realtainment’ für die unerträgliche Pseudo-Doku-Stümperei Berlin – Tag und Nacht auf RTL2. Angeblich die ‚geilste WG Deutschlands in der coolsten Stadt der Welt’ – in Wirklichkeit eher der dümmlichste Haufen unsympathischer Trash-Einzeller mit Coolness-Einlauf in einem aufgemotzen Zuhälter-Loft irgendwo in Pleite-City. Quasi frisch gerührter Daily Shit aus dem Dixi-Klo der Ideenlosigkeit.

3. Vom Glück geküsst

Manchmal wünscht man sich ja, der kreativtote Wiederholungssender Pro7 würde aufwachen und mal wieder so was wie echtes Programm produzieren. Wenn dabei allerdings so eine peinliche Blödenmumpfe wie der große PRO7-Glücksreport herauskommt, dann vielleicht lieber doch nicht. Simple Allerweltsweisheiten vom ‚Glück für Doofe’-Küchenkalender plus Emotions-Filmchen mit einem Haufen jammernder Selbstbemitleider. Und als Lösung zur ultimativen Glücksfindung z.B. ausgedehnte Shopping-Touren und mehr Selbstbewusstsein beim Erotik-Foto-Shooting, damit man irgendwie noch ein paar Titten in die Sendung kriegt. Da möchte man doch glatt vor Glück kotzen!

2017-02-10T01:40:10+00:00

Über den Autor:

Hier schreibt der Chef.

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