424. Das Ende des Schreckens (TVS 12/11)

Ich bin wahrlich kein Freund übertriebener Verschwörungstheorien, aber ein wenig mysteriös ist das schon. Da erreicht uns die Nachricht vom überraschenden Tod Osama Bin Ladens, und im gleichen Atemzug mutmaßen die Experten, dass nun wahrscheinlich zahlreiche internationale Terrorzellen schon sehr bald auseinander fallen werden. Und keine zwei Tage später lesen wir die Meldung, dass 9live dicht gemacht wird! Zufall? Natürlich… Über die quasi zeitgleich stattfindende Euro-Krise und die Komplett-Umstrukturierung der FDP will ich in diesem Zusammenhang gar nicht reden. Da kann sich ja jeder selbst seine Gedanken zu machen. Westerwelle trat jedenfalls anscheinend lieber freiwillig zurück, bevor eine amerikanische Spezialeinheit seinen Wohnort googeln konnte.

Wie auch immer die wahren politischen Verflechtungen hinter den Kulissen nun aussehen mögen: die Zuschauer tanzen vor Freude auf den Straßen und feiern die Hoffnung, sich endlich wieder angstfrei durch die Programme zappen zu können. Zehn Jahre diabolische Verarschungs-Herrschaft durch Osama bin Hotbutton und seine schmierlappigen Flipchart-Terroristen sind vorüber! Doch keineswegs Scham oder moralische Bedenken über den offen vollzogenen Betrug am Publikum waren der Grund für die vorzeitige Schließung der Schweinebucht, sondern rückläufige Zahlen in der Bilanz des Bösen! Denn irgendwann kapierten halt selbst die Blödesten, dass die grinsenden Hackfressen am Krakelboard einen nicht zum Anrufen motivierten, weil sie es gut mit einem meinten. Jetzt haben die in komatöser Coolness verharrenden Kreativ-Zombies der einstmals so hip vermuteten Pro7Sat1MediaBlaBlaBlaGmbH jedenfalls ein weiteres Sorgenkind am Hacken. Gerade 9live, der Eineiige Bandit unter den Daddel-Programmen, die perfekte Mischung aus Gelddruck und -waschanlage, das ehemalige ‚Must-Have’ der Heuschrecken-verseuchten Medienbranche, wird nun zum ‚Pain-in-the-Ass-to-Have’. Okay, orgelt man da jetzt halt ein paar alte Serien und Filme durch die Maschine. Ist aber viel zu sehr ‚Old School-TV’, wenn man dabei keinen abzocken kann. Die Moderatoren und Mitarbeiter müssen allerdings sehen wo sie bleiben. Wundern Sie sich also demnächst nicht über eine ungewöhnliche Zunahme an Drückerkolonnen, Hütchenspielern und peruanischen Panflötenspielern mit Lama-Imitationen in der Fußgängerzone. Es gibt halt kaum was Erbärmlicheres als von Betrügern betrogene Betrüger!

STARS AM ENDE

1. Springpflaume

Vor vielen Jahren, als das Fernsehen jung und unschuldig war und Unterhaltung noch als minderwertige Sendeform im bildungsbürgerlich geführten Rundfunksystem angesehen wurde, begeisterte ein heiter-naives Spaßformat die Nation: Dalli Dalli! Ungewohnt sinnfreie Spiele mit einem ulkigen Moderator, der immer sprang wenn das Publikum ‚Spitze’ rief: der Sieg der Albernheit über das Spießertum! Jetzt aber, in einer Zeit absoluter televisionärer Belanglosigkeit, soll Kai Pflaume im neuen DaDa-Remake für den verkniffen NDR das Hüpfen lernen – und wird für den Zuschauer damit wahrscheinlich die Rückkehr des Spießertums in die Welt der Sinnlosigkeit einläuten! So ändern sich die Zeiten.

2. Jurorentausch

Eins kann man DSDS wirklich nicht vorwerfen: dass dort zuviel Herz, Vertrauen oder Ehrlichkeit vorherrschen würde. Der grell overkitschte Casting-Zirkus ist eine perfekt geschmierte Businessmaschine, bei dem die Aktie Mensch rein nach dem momentanen Marktwert gehandelt wird. Größtes Glück, größter Schmerz und größte Erniedrigung sind weniger als einen Werbebreak voneinander entfernt, allerdings nicht nur für die Kandidaten. Denn auch Bohlens diesjährige Jury-Deko erfuhr ihren Rausschmiss nur durch die Zeitung am Tag des Finales, und selbst Moderations-Cyborg Schreyl weiß nicht ob er noch eine Saison lang die Zuschauer nerven darf. Wir lernen aus DSDS: man kann sich gar nicht so schnell feiern lassen wie man dort vergessen wird!

3. Promigenagel

Die Luft wird dünner für die verwesende Restprominenz aus den Auffangbecken für Wenigkönner! Das undankbar schnell vergessende Publikum treibt längst die nächste Sau durchs Mediendorf, da ist halt keiner mehr auf die doofen Schweine von damals angewiesen. Also greift man nach jedem noch so scheißegalen Dokusoap-Strohhalm, selbst wenn man dabei nur als Promi-Handwerker für Kabel 1 Nägel in die Gipswand hauen darf. Letztlich aber auch nicht armseliger für den Künstler als für Sender, der fast seine gesamte Dussel-Parade nur noch mit Dschungelcamp-Affen von der Konkurrenz bestücken kann, weil er selber keine Leute mehr hat, die man noch wieder erkennt. Doof und dösig, aber immer noch besser als richtig arbeiten!

2017-02-10T01:40:11+00:00

Über den Autor:

Hier schreibt der Chef.