411. Das Jahr Lena (TVS 25/10)

Die Ankündigung, dass Lovely Lena nach ihrem fulminanten Grand Prix-Sieg auch im nächsten Jahr das deutsche Vaterland auf dem Feld der Sangesehre vertreten und ihren Titel verteidigen würde, stieß bei ARD und Pro7 nicht gerade auf Begeisterung. Was sollte jetzt aus den geplanten zwölf Dutzend Casting-Shows ‚Unser Star für Düsseldorf’ werden, deren Sendeplätze bereits seit 14 Jahren fest eingeplant sind?
Nun aber hat der NDR erleichtert bekannt gegeben, dass man eine gewohnt spektakuläre Lösung gefunden habe. Entschieden werde nicht über Lena, sondern über das Lied, das Lena singen dürfen müsse, und so wird Lena in zunächst zwei großen Samstagabend-Shows zwölf Mal gegen sich selber singen, im Finale dann noch sechs Mal. Laut Lena eine harte Herausforderung, denn ihre Gegnerin Lena ‚singt nun mal sehr gut und ist echt sehr süß’!
Lena darf sich dabei frei entfalten und die gesamte Bandbreite ihres Könnens präsentieren, einzige Bedingungen: sie muss a) immer klingen wie Lena, b) jedes Mal so locker und natürlich auftreten als stünde sie zum ersten Mal auf einer Bühne, c) in Lena-Englisch singen, und d) jeder Song muss mit ‚Love, oh Love’ beginnen. Sollten die Shows wie erwartet ein phänomenaler Erfolg werden, darf das Publikum Lenas Outfit für Düsseldorf auswählen. Hierfür sind vier Shows mit je acht schlichten schwarzen Kleidern in 32 neuen Songs eingeplant, für die dazu passenden Schuhe im Anschluss nur zwei Abende, was von der Frauenbeauftragten der ARD harsch kritisiert wurde. Wenn an den darauf folgenden Samstagen Lenas Frisur, Make-up, Lächeln, Schmuck und Unterwäsche zur Wahl stehen, werde es laut NDR-Sprecher zu einer wahren ‚Lena-Mania’ im Lande kommen, der man rechtzeitig mit zahlreichen Sondersendungen begegnen wolle. Neben der Themenwoche Land & Lena, dem Lenafest der Volksmusik und dem Großen Deutschen Lena-Quiz mit Ranga Yogeshwa gegen Eckhart v. Hirschhausen plane man vor allem ein mehrteiliges Lena-Biopic (Mein Leben als Lena) mit Veronica Ferres als Lena sowie eine sozialkritische Sonntag-Vorabendserie (Lenastraße). Im Falle des geplanten zweiten Überraschungssieges werden noch im Sommer die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes, Deutschen Fernsehpreises und die Seligsprechung des Papstes als Lena-Live-Event von sämtlichen Sendern außer RTL zeitgleich übertragen. Bundespräsident Wulf kündigte an, 2011 zum ‚Lena-Jahr’ auszurufen und rechnet dabei mit breiter Zustimmung der deutschen Bevölkerung sowie des Islams.

STARS AM ENDE

1. Schöner wohnen

Wenn eine Idee sehr, sehr blöd ist und noch nicht mal besonders erfolgreich,dafür aber kostengünstig und senderintern bereits cool gekokst und schön gesoffen, dann gibt es in der Medienwelt keinen vernünftigen Grund, sie nicht zu verlängern. So dürfen die ausgemusterten Rest-Models aus dem seelenlosen Klum-Gulag der Klapperziegen nun erneut in die Model-WG von Pro7 ziehen und sich beim Ein- und Ausatmen filmen und fotografieren lassen. Leeres Labern, graziles Geradeauslaufen und bitchiges Rumgezicke im Weiberwohnheim des Wahnsinns – für alle Freunde schön frisierter Belanglosigkeit und perfekt gestylter Dummheit.

2. Streit im Zweiten

Wäre Faulheit und Ideenlosigkeit ein Grund zum Feiern, wären die öffentlich-rechtlichen Sender der Ballermann Deutschlands. Und im ZDF müssten gerade mal wieder die Champagnerkorken knallen. Denn endlich hat man auch hier am Nachmittag die gleiche blöd-billige Doku-Soap-Grütze ins Programm geschissen wie bei den Privaten: Immer diese Nachbarn. Anwalt Schons, Platz fünf im Peter Zwegat-Lookalike-Contest, muss bis aufs Blut verfeindete Nachbarn dazu bringen, sich wieder zu knuddeln und lieb zu haben. Ja, das gute alte Zweite hilft halt, damit es allen besser geht – nur nicht dem eigenen Programm!

3. Holunder zum Heulen

Da krieg ich ja schon beim Lesen ‘ne Gänsehaut! Der WDR startet am späten Samstagabend eine heitere Talk-und-Spiel-Show mit prominenten Gästen aus einer echten Kölner Kneipe: Zum weißen Holunder – Feierabend mit Anna Planken. Die Spiele werden von einem lustigen Kellnerdarsteller aufgezwungen, vom Karaokesingen bis zum Bierdeckelpyramidenbau ist dabei alles möglich, vielleicht sogar Streichholz-Wettzählen, Melodien pupsen und Kunst aus Kartoffelsalat. Der Verlierer muss einem ‚Freibiergast’ die Zeche zahlen – zB jemandem, der besonders freundlich zu einer Kassiererin war oder einem alten Mann über die Straße geholfen hat, auch gegen dessen Willen. Oder freiwillig den WDR geschaut hat, ohne ins Koma zu fallen oder Amok zu laufen.

2017-02-10T01:40:13+00:00

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