398. Wohin mit der Welt? (TVS 12/10)

So langsam sollten wir uns alle besser darauf einstellen, dass unsere gute alte Welt, so wie wir sie kennen, demnächst doch mal den Arsch zukneifen könnte. So viel Scheiße, wie hier momentan selbstverschuldet gebaut wird, ist rekordverdächtig. Wäre Doofheit ein Zeichen für Intelligenz, so würde der Mensch sicher zu den am höchsten entwickelten Kulturen im Weltall zählen. So aber können wir nur froh sein über jeden Tag, den uns nicht der Blitz beim Scheißen trifft. Hinzu kommt, dass durch die zunehmende Globalisierung die Grenzen so verschwimmen, dass man keinem Fremden mehr die Schuld geben kann. Früher wurde jede nationale Misere einfach gelöst, indem man einen zünftigen Krieg vom Zaun brach und den Anderen gepflegt die Rübe einschlug. War politisch vielleicht nicht immer korrekt, aber es schenkte einem eine gewisse angenehme Illusion von Klarheit. Heute kommen die Gegner nicht mehr von außen, sie sind mitten unter uns. Nicht mehr lange und die Flughafenkontrollen richten sich statt gegen potentielle fundamentalistische Attentäter nur noch gegen Finanzmakler, Bankenvorstände und BP-Aktionäre. In Europa vielleicht noch gegen Griechen oder isländische Asche-Aktivisten.

Wären die TV-Sender schlauer, würden sie sich einfach als Sponsor an all die zahlreichen Katastrophen andocken, ein paar Darsteller an den Ort des Verbockens schicken und Scripted Reality – Formate daraus stricken. Zwegat zieht nach Athen, Rach reist durch die Gyros-Butzen und das dämliche Schwabbelpärchen präsentiert die täglichen Nachrichten von dort als ‚Ouzo – Die Superpannenschow!’ Das ZDF könnte das Traumschiff losschicken und Veronica Ferres im Golf von Mexiko die eingeölten Fische mit ihren Tränen säubern lassen, während SAT1 Barbara Salesch alle Schuldigen von Laiendarstellern vertreten zu sich vorladen lässt. Durch Bündelung der Mentalisten-Power von Pro7 wäre Uri Geller vielleicht in der Lage, die Ozonlöcher mit Gedankenkraft wieder zu verschließen. Und die ARD sollte den Lehman Brothers sowie anderen Schurkenbanken ihre GEZ-Fahnder als Austausch-Mitarbeiter vermitteln, der beidseitige Know How – Transfer zum Thema Kundenabzocke wäre eine Win-Win-Situation. Das alles hilft natürlich nicht, macht die Zeit bis zur globalen Implosion aber etwas unterhaltsamer. Bleibt am Ende nur die Frage, ob wir die kaputte Erde einfach so im All liegen lassen dürfen oder wo wir den nächsten Sondermüll-Container finden.

STARS AM ENDE

1. Fall-Rückzieher

Und wieder hat die fiese Finanzkrise eines unserer wichtigsten Kulturereignisse als Opfer auserkoren: den RTL – Domino Day! Noch weiß niemand, wie sich der Verlust des kauzigen Klickerstein-Umplumps-Marathons auf die gesamtdeutsche Psyche auswirken wird, und welches monströse Nichts Frauke Ludowig stattdessen in die Bedeutungslosigkeit moderieren soll. Dieses Jahr bleiben die Dominos jedenfalls stehen von wegen keine Kohle! Außer RTL veranstaltet noch rechtzeitig einen D-Day-Spendenmarathon, sammelt im Land gebrauchte Steine und bekommt Aufbauhelfer von der Bundeswehr. Vielleicht hat die Regierung ja auch noch ne unbenutzte Milliardenhilfe im Keller, also Daumen drücken!

2. Speck-Schmelze

Oft liegen ja so total verrückte Ideen einfach in der Luft! Abnehmen zum Beispiel, das ist mit einem Mal total angesagt. Wo noch bis kurzem Fettleibigkeit weltweit als Merkmal für Erfolg, Gesundheit und sexuelle Attraktivität galt, will nun plötzlich jeder Klopsbrocken seine dicke Plauze loswerden. Crazy, diese People! RTL springt auf jeden Fall jetzt mit auf den Trendzug, der bei Kabel 1 mit The Biggest Loser längst losgefahren ist, um mit Vera vom einstigen Mittag Das grosse Abnehmen zu starten. Gruppen-Entmoppelung im Fun-TV – wenn die Sender ihre Kreativgürtel enger schnallen müssen, wird halt jeder noch so alte Flop aus dem Keller geholt. Wie sagt der Volksmund: Doof schwimmt oben!

3. Seifen-Kürzung

Traurig ist man derweil bei SAT1, denn wegen Quoten-Diarrhoe muss die erfolgsarme Daily-Soap Nr. 782 namens Eine wie keine leider vorzeitig eingestellt werden. Statt der geplanten zwölf Millionen Folgen für die erste Staffel soll jetzt bereits nach nur lächerlichen 250 der Stöpsel aus der Seifenschale gezogen werden. Da kann man eine uninteressante Geschichte ohne vernünftige Handlung natürlich schlecht zu Ende erzählen, aber man tut es trotzdem. Als mögliche Nachfolgeserien im Gespräch: “Eine für Scheine”, “Meine für deine”, “Einer wie seiner” oder “Keine mit Beine”.

2017-02-10T01:40:14+00:00

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Hier schreibt der Chef.