385. Der schnellste Stillstand (TVS 24/09)

Die Medienwelt ist in Aufruhr. Keine Kohle mehr, Ideen schon lange nicht, Perspektive irgendwo im Rektum der Verzweiflung stecken geblieben, blablabla. Das ist nicht gut. Andererseits bedeutet das Kriechen in der Talsohle auch immer die Möglichkeit für ein gepflegtes Ende oder einen knackigen Neuanfang. Die Dinosaurier zum Beispiel kapierten irgendwann ihre mangelnde Flexibilität und starben aus Rücksichtnahme auf die restliche Erdbevölkerung still und heimlich aus. Einfach um nicht durch unkoordiniertes Siechtum allen anderen zur Last zu fallen und irgendwann bis zur Verwesung peinliche Fake-Doku-Soaps über sich selbst drehen zu müssen. In der Fernsehlandschaft haben die meisten maroden Sender allerdings entschieden, aus Protest gegen die natürliche Selektion lieber auf die eigene Würde zu pissen und den nuttigen Weg der sinnfreien Existenz zu wählen, anstatt für die einstigen Ideale zu kämpfen. Nun ja, natürlich nicht alle. Manche überraschen uns auch mit frischem Wagemut und kreativer Waghalsigkeit. SAT 1 zum Beispiel, pleite und zum Sex gezwungen, verzichtete mutig auf jede Menge möglicher neuer Formate, nur um die Neuerfindung von Kerner finanzieren zu können. Was das bislang noch sehr überschaubare Publikum nun allerdings in die totale Verwirrung stürzt, denn er präsentiert sich derart brandneu, dass man ihn kaum wieder erkennen kann. Das Studio sieht fast ein wenig anders aus als vorher, die Themen sind Leihgaben von Stern TV und die Sendung heißt nicht mehr Johannes B. Kerner, sondern nur noch Kerner. (Bitte nicht mehr speichern unter ‚Lieblingssendungen mit J’, sondern einen Buchstaben weiter!) Außerdem gibt es endlich Werbung und eine Titelmusik von Dieter Bohlen. (Achtung, ab jetzt immer zwei Minuten später einschalten!) Einziger Wermutstropfen: zwei seiner drei Gesichtsausdrücke musste Kerner aus vertraglichen Gründen leider beim ZDF lassen, da diese noch von Markus Lanz aufgetragen werden sollen.

Pro 7 lässt im Erneuerungswahn gleich zwei alt gediente Schlachtrösser mit Arschtritt in die Gruft fahren: SAM, das unspektakuläre Mittagsmagazin der inszenierten Belanglosigkeiten, und Focus TV, das so gern irgendwann einmal die schwache Kopie von Spiegel TV geworden wäre. Die gerade gestartete und trotzdem schon viel zu lange laufende Überschlecht-Dokunovela Reality Affairs wird übrigens gleich mit entsorgt. Stattdessen setzt man innovativ auf Wiederholungen alter Serienwiederholungen. Für P7 ein kreatives Armutszeugnis, für den Zuschauer hingegen ein Grund zum Aufatmen. Den meisten anderen Stationen geht es ähnlich. Viele können sich die Teilnahme an der Evolution einfach nicht mehr leisten und ignorieren die eigene Leichenstarre. Tot ist man schließlich erst wirklich, wenn es einer merkt. Noch nie war der totale Stillstand derart rasant – wenn noch weniger passiert, wird mir schwindelig!

STARS AM ENDE

1. Sport statt Mäuse

Lange hat es gedauert, aber endlich gibt’s mal einen zwischen die Hörner für die moralamputierten Betrugs-Banditen von 9live! Knappe hunderttausend Euro Strafe für diverse Verstöße gegen die Gewinnspiel-Vorschriften sollen sie blechen. Klingt amtlicher als ‚Tritt in den Arsch für allzu dummdreiste Beschiss-Versuche’, bedeutet aber im Grunde nix anderes. Viel zu spät und viel zu wenig, aber die schamlosen Schummelschurken des furzfrechen Abzockervereins wollen sogar noch Einspruch erheben! Vielleicht wird die Strafe dann ja verdoppelt. Die Gerechtigkeit ist zwar nicht immer die Schnellste, aber irgendwann holt sie alle ein!

2. Einschalten, Schätzchen

Gute Nachrichten! Die ProsiebenundnochsoeinpaarKaputte-Mediengroup plant endlich einen eigenen Kanal für das weibliche Geschlecht! FEM-TV, der Sender nur für Ladies. Und Männer, die sich noch nicht ganz sicher sind. Bisher geplant sind allerdings größtenteils Re-Runs von alten Serien, in denen auch Frauen vorkommen und die wahrscheinlich auch schon mal von Frauen angeschaut wurden. Dazwischen vielleicht ein paar Reportagen über die aktuelle Beauty-Lage der Nation und die neue Prosecco-Diät, aber auch politische Dokumentationen über den Sommerurlaub von Boris Becker oder Lippenstifteinsatz in Krisengebieten. Der Frauenparkplatz auf der Fernbedienung und das unbedingte Must Have-TV der nächsten Senderkollektion!

3. Ungebetene Rückkehr

Zu früh gefreut! Da ließen die Freunde gut gemachter TV-Unterhaltung auf den überfälligen Serientod der murksigen SAT1-Kriminalnulpenveranstaltung ‚K11 – Knalltüten im Einsatz’ bereits fröhlich die Champagnerkorken knallen, schon heißt es, man drehe doch noch weitere Folgen! Allerdings von nun an für Kabel 1, die ihr Programm auch gern einmal etwas qualitativ absenken würden. Da die Kabler allerdings noch weniger Kohle haben als die Satheimer, muss vielleicht in Zukunft auf das fehlende Drehbuch verzichtet werden. Sogar der blinde Kameramann mit der Gleichgewichtsstörung, der Tonmeister mit dem Hörsturz und der tote Regisseur stehen zur Disposition. Aber es kann nur besser werden!

2017-02-10T01:40:15+00:00

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