379. Die Nostalgie der Zukunft (TVS 18/09)

Nostalgie ist etwas Wunderbares. Sie bringt einen dazu, sich begeistert an Dingen der Vergangenheit zu berauschen, die man damals eigentlich scheiße fand. Oder höchstens noch mittelmäßig. Doch je gütiger sich dank der gnädigen Vergesslichkeit der Schleier der Verblendung über das Gewesene legt, umso mehr verdeckt er die hässlichen Dellen der einstigen Realität. Ganz okay + Zeit = Herrlichkeit, könnte man es mathematisch zusammenfassen. So erklärt sich aber auch, warum all die heute halbwegs Erwachsenen, die in den 60ern oder 70ern aus der Mutti gezogen wurden, immer so wunderbar verklärt über das tolle Fernsehen von damals schwärmen.
Erstens hatte man ja nichts anderes. Kein Handy, kein Internet, keine Playstation – nüscht! Gerade mal einen popeligen S/W-Fernseher mit Zimmerantenne und nem Arsch wie die dickere Schwester von Tine Wittler, quasi Fettscreen. Zweitens war ‚Spaß haben’ noch bis Mitte der 80er höchstens was für Hippies, Drogensüchtige und Faulenzer, von der Gesellschaft nicht geduldet. Da galt noch Zucht und Ordnung, Schulbildung und Respekt vor dem Alter standen ganz weit vorne. Die gesamte Superstar-Topmodel-Partyluder-Tittenzeige-Pornovideo-Brägentot-Generation von heute wäre damals ein Fall für die geschlossene Erziehungsanstalt gewesen. Oder gleich von Papa mit Arschtritt aus dem Haus getrieben worden. Zu der Zeit war man dankbar für alles, was nur im Entferntesten nach Unterhaltung roch. Da klatschte man dann auch vor Freude in die Hände, wenn ein spießiger kleiner Mann im Anzug beim Ertönen einer Studiosirene in die Luft sprang und ‚Spitze’ rief oder ein dickerer Mann im dunkleren Anzug stocksteif mit seinem Zeichentrick-Hund und einem Elefanten redete. Man war genügsam und bereits mit sehr wenig sehr sehr glücklich. Egal wie bräsig viele der Programme gewesen sein mögen, und wie schleppend einem bisweilen heute die Dramaturgie erscheinen mag – sie hatten wenigstens noch eine! Man merkte, dass man sich zumindest Mühe gegeben hatte. Selbst wenn der Griff nach den Sternen häufig mit Schmackes im kulturellen Klo endete, so doch wenigstens mit Charme und ohne Schande.

Wie leid tun mir doch da die jungen Menschen von heute. An was werden sie sich in zwanzig Jahren gemeinsam erinnern können? Wird irgendwer eines Tages von pisslangweiligen Teenie-Doku-Soaps schwärmen wollen, oder davon wie ein unbekannter affenhirniger Tütenmoderator kalauerverstrahlt krisselige Internet-Videos präsentierte, irgendeine grinsende Möpsetante ulkige Promi-Charts vom Prompter ablas oder öffentlich wen zum Bumsen suchte? Was aus der gigantischen Sondermülltüte des Intelligenz-Vakuums sollte sich bei seiner bedeutungslosen Glitschigkeit überhaupt im Kleinhirn festsetzen können? Vermutlich bleibt nichts als ein schwarzes Loch und verschämtes Schweigen. Vielleicht können wir dann aber auch schon einfach wieder darüber lachen, wie sich das schöne Fernsehen damals durch doofen Billig-Trash selbst zerstörte.

STARS AM ENDE

1. Kumpel-Casting

Hätte sie es nicht alles selbst so gewollt, könnte einem Gina-Lisa fast schon leid tun: vorzeitig raus beim Klum-Schnitten-Casting, als pralle Spaß-Blondine durch Dutzende doofer C-Promi-Magazine georgelt, oberpeinliches Sex-Video im Netz, verzweifeltes Schlagzeilensaugen durch Affäre mit dem tranigen Terenzi-Marc und jetzt die geltungsgeile Suche nach einem besten Freund im Fernsehen. Oder wie es die anglophil masturbierende TV-Sprache nennt: Gina -Lisas Best Buddy! Das traurige TV-Casting nach einem echten Kumpel, so wie auch schon in den USA für die blonde Blödbums-Kollegin Paris Hilton. Natürlich auf Pro7, wo sich unangenehm peinliche Fremdschäm-Formate zur Zeit am wohlsten fühlen.  Kack die Bohne!

2. Eisen-Schwabbbel

Abnehmen macht echt keinen Spaß, aber wenn man schon versucht, die überflüssigen Zentner ins Specknirwana zu befördern, dann doch am besten für Kohle und so dass es auch alle mitbekommen! Weshalb wir jetzt Iron Calli auf VOX erleiden müssen, die dickleibige Doku-Soap, in der Mega-Moppel Reiner Calmund versucht, 30 seiner 163 Kilo über die Waage wuppen zu lassen. Das klingt nicht gerade aufregend, ist es aber bestimmt auch nicht. Doch wer gern faul auf dem Sofa liegt und schwitzende Knuddelklopse bei der Fettschmelze beobachtet, kann beim Zuschauen vielleicht wenigstens ein paar Gramm Gehirn verlieren.

3. Klopper-Mönche

Manche Serien sind so doof, dass sie schon wieder cool sind. Andere sind so cool, dass sie einfach nur doof sind. Die Actionserien bei RTL liegen immer irgendwo dazwischen, allerdings meist mit deutlichem Überhang in Richtung Doofheit. So wie bei Laslo, der Faust Gottes: so blöd, dass einem das Hirn juckt, und trashig an der Sondermüllgrenze, aber wohl gerade deshalb ein großer Erfolg. Ein engelslockiger Kung Fu-Mönch mit Kantenkinn, der Gewalt eigentlich gar nicht so toll findet, aber mit seinen Brüdern reihenweise Bösewichte vermöbelt, wenn der liebe Gott es will. So ne Art schlecht gemachtes Kloster-A-Team für genügsame Zuschauer, die beim Denken immer Kopfweh kriegen.

2017-02-10T01:40:16+00:00

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Hier schreibt der Chef.

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