370. Die Gabe der Vernunft (TVS 09/09)

Der menschliche Verstand ist schon eine tolle Sache. Rein technisch gesehen hat ihn jeder und kann ihn sogar kostenfrei benutzen. Ein Großteil tut es allerdings nicht, aus welchem Grund auch immer. Manche aus Trotz, andere aus Angst, es könnte wehtun, viele aus Faulheit und einige, weil sie die Gebrauchsanleitung nicht finden. Denn auch wenn wir alle theoretisch mit der Gabe der Vernunft beschenkt wurden, so muss man sie sich doch praktisch eher vorstellen wie Möbel von Ikea. Die Fähigkeit zum Denken bekommt der Homo Sapiens bei der Geburt mitgeliefert, quasi als Willkommensgeschenk des Lebens, als göttlicher Gruß aus der Küche. Der Verstand ist das Billy-Regal des Bewusstseins. Nur aufbauen und einräumen muss man es selber. Platz ist genug da, und manche Menschen wissen ihn auch zu nutzen, indem sie die Fächer so voll wie nur möglich packen, mit Büchern, Kunst, Spaß, Ideen, Wissen und Erfahrungen. Andere stellen einfach ein paar rosa Porzellanschweine rein und klatschen in die Hände. Die Verwendungsmöglichkeiten sind mannigfaltig.

Momentan scheint die korrekte Anwendung der eigenen Vernunft allerdings weltweit nicht so recht zu flutschen. Abgesehen von den unzähligen Dumpfhirnen, die ihr IQ-Regal noch immer in der Originalverpackung hinter dem Flatscreen-TV stehen haben, benehmen sich vor allem immer mehr im Grunde hoch intelligente Menschen als hätten sie ihr Gehirn für einen Euro bei ebay verkauft. Viele TV-Redakteure oder sonstige Mediengestalter verstecken die Bücher, die sie während des Studiums mal kaufen mussten, schamhaft ganz oben, wo sie keiner sieht, und stellen in die restlichen Regale beleuchtete Selbstporträts im Goldrahmen plus ein paar Kleenex-Boxen, falls sie bei dem Anblick mal onanieren müssen. Politiker haben in der Regel eine ordentliche Anzahl hoch anspruchsvoller Fachbücher griffbereit, wissen meist aber nicht, wie man sie öffnet. Oder warten auf ihren persönlichen Referenten, damit er ihnen daraus vorliest. Und die bedeutendsten Banker, Manager und Finanzexperten der Erde benehmen sich plötzlich alle so, als hätte ihnen einer in den Schrank geschissen. Der Papst andererseits hat ein goldenes Regal mit dem gesamten Wissen des Universums, nur leider stehen einige Dutzend Bischöfe und Berater davor und lassen ihn nicht ran. So kommt es dann halt mal vor, dass er mit unfehlbarerer Geschicklichkeit einen reaktionären Altnazi-Bischof begnadigt oder in Afrika predigt, dass Kondome wegen ihrer GV-Freundlichkeit die Aids-Gefahr erhöhen und man bei gegenseitiger Sympathie doch lieber öfter mal gemeinsam beten sollte statt immer nur sinnfrei zu bumsen. Bei uneingeschränkten Nutzungsrechten auf den gesunden Menschenverstand dürfte so etwas alles eigentlich nicht passieren. Es ist weder eine Schande noch billige Prahlerei, den eigenen Verstand auch in der Öffentlichkeit zu benutzen. Außer man hat ihn irgendwo verloren oder im Bus liegen lassen.

STARS AM ENDE

1. Ciao, ciao, Schaubude

Und wieder verabschiedet sich eine Kindheitserinnerung diverser Generationen: die aktuelle Schaubude vom NDR schraubt den Gullideckel zu! Nach ca. 50 Jahren Unterhaltungsdienst und gefühlten 500 Zwangsmoderationspaarungen ist nun endgültig Schluss mit bräsig! Auch wenn der Name für einige Live-Schunkelkoma-Tour-Events bestehen bleibt, das Magazin wird geschlossen. Nicht dass ich oder einer meiner noch lebenden Bekannten sie in den letzten zwei Jahrzehnten wirklich gesehen hätten – aber ist schon irgendwie komisch, wenn so ein unsterblich geglaubter Klassier einfach abgeschossen wird!

2. Schnarchiger Schnippelscheiß

Der aktuelle TV-Casting-Koller schrammt mit dem eigenen Arsch am Boden lang: Top Cut bei Vox! Gesucht wird der neue Meisterfriseur unseres Landes – und das klingt noch nicht mal halb so langweilig wie es in Wirklichkeit ist! Ein unbekannter weltbekannter Star-Coiffeur und sein nicht gerade bekanntes Jury-Triumvirat lässt gar nicht bekannte Frisier-Azubis irgendwelchen Menschen, die niemand kennt, die Haare schneiden. Das interessiert zu Recht keine Sau und ist so unterhaltsam wie eine im Koffer ausgelaufene Shampoo-Flasche. Welches Job-Casting kommt als nächstes? Deutschland braucht dringend noch gute Fußpfleger, Proktologen, Klofrauen, Abdecker und GEZ-Fahnder!

3. Tinenator – Tag der Einrichtung

Darauf hat die Welt gewartet: der Tinenator is back! Im Einsatz in 4 Wänden – Spezial walzt die wilde Wittler-Wuchtbrumme jetzt gleich die ganze Butze platt! Wahrscheinlich hat es ihr und ihrem Umgestaltungs-A-Team einfach nicht mehr gereicht, immer nur in wildfremde Wohnungen einzumarschieren und die popeligen Einrichtungsversuche wegzuschmeißen. Jetzt müssen ganze Häuser dran glauben. Danach kommen die Mehrfamilien-Einheiten, Reihenhäuser, Wohnblocks, Dörfer, Städte – und am Ende die ganze Welt! Die Renovierungspläne für Polen liegen angeblich schon bei RTL…

2017-02-10T01:40:17+00:00

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