368. Das wahre falsche Leben (TVS 07/09)

Schon seltsam, wie die Welt sich verändert. Früher kannte man gerade mal die Nachbarn, vielleicht noch ein paar doofe Kollegen oder Freunde, sofern man welche hatte. Davon musste man auch mal ein paar zum Geburtstags-Kaffee oder Komasaufen besuchen, aber der Blick in fremde Wohnzimmer oder Lebensmodelle hielt sich irgendwie noch im Rahmen. Heute hat man das Gefühl, mindestens das halbe Land persönlich zu kennen. Fast bei jeder hässlichen Hackfresse, die einem über den Weg läuft, rattert es im Kopf: Woher kenne ich bloß diese Ohrfeigenvisage? Von RTL letzten Mittwochnachmittag? Diese 12-köpfige Inzest-Familie aus dem renovierten Ziegenstall im Gewerbegebiet von Rammelsbüttel, wo sich die minderjährige Drillingsmutter bei ihrer cracksüchtigen Oma diese Pilzinfektion geholt hatte und deshalb die Lehre bei dem aidskranken Schamhaar-Friseur abbrechen musste? Oder von Pro7, dieser Bericht über den blutjungen trisexuellen Krankenpfleger mit der Schuppenflechte, der immer nackt ohne Sattel auf dem Mountain-Bike durch die Fußgängerzone von Hinterhude fährt und Opernsänger werden möchte?

Der ganze Tag wird einem vom Fernsehen versaut, weil man keine tollen Familienserien wie früher mehr zu sehen bekommt, in denen allein stehende bewaffnete Männer und ihre bekloppten Söhne mit einem chinesischen Au Pair-Koch auf einer Rinderfarm im Wilden Westen leben oder mit einem hoch begabten Delphin in Florida als Ranger arbeiten. Nein, heute werden wir bombardiert mit der so genannten Realität, mit Doku-Soaps über all die blöden Sackgesichter von nebenan, die wir bislang so erfolgreich ignorieren konnten. Unsympathische lebensunfähige Menschen-Imitatoren mit dem Charisma eines zertretenen Hundehaufens und den intellektuellen Fähigkeiten einer Dose Erbsen, deren Probleme einem im Grunde meilenweit am Arsch vorbei gehen. Gänzlich unverständlich ist mir allerdings, dass z.B. bei RTLs Top-Reality-Serie ‚Mitten im Leben’ jetzt genau jene Sendungen die quotentechnisch erfolgreichsten waren, die eben nicht aus dem Leben kamen, sondern aus dem Speckgürtel degenerierter Autorenschädel, denn neuerdings setzt man auch hier auf geschriebene und von Laiendarsteller-Darstellern dahingestümperte Fake-Stories. Was alles noch viel schlimmer macht. Warum bitteschön soll ich schlecht gemachte Hirnkotze anschauen, die mir die ohnehin miese Realität in noch blöder zeigt, als es sich das echte Leben trauen würde? Wenn schon Drehbuch – warum dann nicht ein gutes? Wer trinkt freiwillig Urin, wenn er auch Champagner haben kann? Wenn dem Zuschauer irgendwann das Elend schon zu elend ist, warum sehnt er sich dann noch nach extra doofem Elend? Worin liegt der Sinn in Reality-Formaten, die gar keine Reality zeigen? Oder werden wir ohnehin schon längst alle nur von Laiendarstellern gespielt und sind gefangen in einem fiktiven Leben, das irgendein zugekokster RTL-Redakteur morgens beim Kacken geschrieben hat? Manchmal kommt es mir fast so vor.

STARS AM ENDE

1. Ausgewischt

Nicht nur Jugendliche können rabiat sein! Jetzt wurde der alten Klapperkiste ARD doch glatt der Scheibenwischer abgebrochen, und das sogar vom Erfinder Dieter Hildebrandt persönlich. Der fand nämlich gar nicht lustig, was so über die Jahre aus seiner Kreation wurde. Und als der neue Head-Wiper Mathias Richling ankündigte, jetzt unter Umständen auch mal welche von diesen unpolitischen, ungebildeten und ungewaschenen ‚Comedians’ auftreten zu lassen, um vielleicht ein paar jüngere Zuschauer zu gewinnen, ließ Hildebrandt persönlich die Nutzung des alten Titels verbieten, was nun zum neuen Satire Gipfel führte. Okay, aber wie wäre es stattdessen vielleicht mit Quotenfischer, Schweinepriester oder Scheibenkleister?

2. ZDF vs. CDU

Die spannendsten Fernsehschlachten werden ja leider doch immer noch hinter den Kulissen ausgefochten!  Top-Fight des Monats: Kampfhesse Rolle Koch und seine christdemokratischen Krawallkumpel gegen das schrumpelige ZDF und seinen Chefredakteur Nikolaus Brender. Den möchte man nämlich auf Seiten der CDU gern loswerden… aus rein programmtechnischen Gründen natürlich, hüstel hüstel, denn das Wohl des Zuschauers und eine gesunde Quote liegen der Partei schließlich am Herzen. Und das kann ein bequemerer und politisch nicht ganz so aufmüpfiger Nachfolger bestimmt viel besser hinbekommen. Es lebe das unabhängige öffentlich-rechtliche Mediensystem!

3. Fataler Fun-Freitag

Wie lange dauert es nach Jahren der militant brutalen Zwangsbespaßung zum Wochenende eigentlich noch, bis auch SAT1 merkt, dass sich der Zuschauer nicht zum stundenlangen Dauerlachen zwingen lässt? Vor allem nicht mit einer Aneinanderreihung immer austauschbarer werdender Sketch-Dosenware und lieblos produzierter Fröhlichkeitsformate. Da leiden dann letzten Endes sogar die wirklich guten Nummern wie Ladykracher darunter. Der niemals enden wollende fiese Fun-Freitag mit seinen Bürozeiten der Fröhlichkeit ist der Todesstoß für innovative Comedy. Ich lache grundsätzlich nicht mehr freitags, schon rein aus Protest!

2017-02-10T01:40:17+00:00

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Hier schreibt der Chef.