362. Ich streike!!! (TVS 01/09)

Wahnsinn, so etwas geht eben doch nur in den total verrückten USA: das Fernsehen, Motor des passiven Lebens und intellektuelles Formfleisch der öffentlichen Meinung, geistiger Ernährer des Volkes und augenzwinkernder Entspanner der Nation, befindet sich in paralysierter Schockstarre. Bereits seit Wochen ist der gesamte nationale TV-Apparat auf Pause geschaltet, beinahe alle laufenden Serienstaffeln sind unterbrochen und sämtliche Late Night-Formate setzen aus, stattdessen wird das Programm mit hektisch herausgekramten Wiederholungen aufgefüllt. Und warum? Weil die Autoren streiken! Zeit für berechtigte Verwirrung beim Leser dieser Zeilen in Deutschland. Autoren? Was ist das überhaupt? Wozu braucht man die denn? Und dürfen nicht eigentlich nur Leute streiken, die richtig arbeiten? Seltsam, was bei den crazy Amis alles so möglich ist… Wenn z.B. bei SAT.1 der ‚Autor’ (wir nennen das jetzt auch hier mal einfach so) von Richter Alexander Hold oder Lenßen & Partner streiken täte, würde man dort herzlich lachen, ihn hochkantig rausschmeißen (sofern überhaupt angestellt) und halt einen anderen Praktikanten fragen, mal bis morgen früh irgendeine Storyline zusammenzutippen oder mit nem Wachsmalstift auf einen Bierdeckel zu malen. Für die meisten deutschen TV-Produktionen reicht im Bewerbungsbogen ohnehin eine Drei minus in Deutsch plus vielleicht noch der Besitz eines illegal kopierten Drehbuch-Programms für den Compi. Wer richtig angeben will legt zusätzlich einen Volkshochschul-Kurs ‚Kreatives Schreiben’ oder ‚Partyspiele und Serviettenfalten’ drauf, läuft dadurch aber Gefahr, als hochnäsig und überdisqualifiziert zu gelten.

Betrachten wir einmal sachlich und unvoreingenommen das einheimische Fernsehprogramm, so stellen wir fest, dass der allergrößte Teil unserer Autoren sich bereits seit vielen Jahren im Streik befindet, es nur bislang irgendwie noch niemand wirklich gemerkt hat. Vielleicht weil hierzulande provokante Kreativitätsverweigerung oder das Kopieren von Fremdtexten immer noch als künstlerische Eigenleistung anerkannt wird. Oder weil man bei uns Unterhaltung von je her als unnützen Kasperkram für den doofen Teil der sowieso dummen Bevölkerungsmasse ansieht, dem man auch aufgeschäumtes Büffelsperma als Latte Macchiato verkaufen kann. Bei einem solchen Selbstverständnis rangiert der Schreiberling ohnehin im untersten Segment der kulturellen Nahrungskette, irgendwo unter der Schuhsohle des Anspruchs, zwischen Pantomime im Park und aufziehbarem Hoppelpenis. Allein deshalb wäre ein Autorenstreik  in Deutschland nicht nur unmöglich, sondern schmerzhaft absurd. Wie soll jemand das Fehlen von etwas bedauern, dessen Existenz er vorher nicht einmal bemerkt hat? Bei den Lokführern der deutschen Bahn konnte man den Unterschied zwischen ‚sowieso immer zu spät’ und ‚gar nicht fahren’ immerhin doch irgendwann noch mitbekommen, wenn man nur lange genug am Gleis wartete. Aber wir Autoren haben keine Chance. Weshalb ich aus ehrlich gespielter Solidarität für meine Kollegen an dieser Stelle auch bewusst die Arbeit niederlege und die Schlusspointe meiner Kolumne unter Protest für mich behalte! Und glauben Sie mir: die wäre echt der Brüller gewesen, von der hätten Sie noch Ihren Enkeln erzählt. Schade. Bedanken Sie sich dafür bei wem auch immer, der blöden Sau!

2017-02-10T01:40:17+00:00

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Hier schreibt der Chef.