353. Arme Schweine (TVS 18/08)

Kinder sind viel klüger als Erwachsene. Das hört man häufig.  Und wenn man mal ein paar Stunden durch die TV-Programme zappt und sich die volljährigen Vollidioten dort anschaut, möchte man dieser Aussage Recht geben. Obwohl der Vergleich in dem Falle statt mit Kindern auch mit Schimpansen, Blutegeln oder Kaulquappen funktionieren würde. Trotzdem wurde mir der messerscharfe analytische Verstand der oft unterschätzten Vollmensch-Azubis wieder einmal bewusst, als ich kürzlich bei einer befreundeten Familie zu Gast sein durfte, bei der der Fernseher lief, genauer gesagt SAT1. Gerade war kurz nach einer Sendung mit Kai Pflaume eine Sendung mit Kai Pflaume zu Ende gegangen, in deren Werbepausen Kai Pflaume für zusammengemantschte labberige Fleischersatz-Burger Werbung machte, und in deren Anschluss auf die nächsten tollen Sendungen mit Kai Pflaume hingewiesen wurde. Woraufhin die neunjährige Tochter mit einer Mischung aus Genervtheit und Mitleid fragte: ‚Sag mal, Mama, verdienen die da im Fernsehen wirklich so wenig, dass kein anderer die Sendungen machen will außer Kai Pflaume?’ Mir allerdings blieb nach kurzem Lachen doch selbiges im Halse stecken, als ich die tragische Wahrheit hinter diesen Worten erkannte: ja, genau so ist es! Die mediale Überpflaumung, der Kerner-Overkill, der Zietlow-Wust, die Unmengen Pilawa, die Sonja Krausierung bis zum Erbrechen… ich hatte diese uns alle so penetrant die Programme überflutende Hackfressen-Schwemme immer als persönlichen Angriff gesehen. Hatte gedacht, es handle sich bei den Protagonisten  um eitle, geldgeile und ruhmsüchtige Nervnasen, die einfach zwanghaft ihre Grinsemurmel in absolut alle Kameras recken und aus reiner Gier jede Sendung an sich reißen müssen, die bei Drei nicht die Hose hoch hat.

Doch plötzlich verstand ich, wie sehr ich mich geirrt und die tragische Realität doch missinterpretiert hatte. Denn in Wirklichkeit sind all diese so genannten A-Promis mit Dauerschleifen-Existenz nichts als ganz arme Schweine. Bedauernswerte Kreaturen, die lächelnd in sinnfreier Endlospräsenz erstarren müssen, ohne der Welt wirklich etwas zu sagen zu haben. Gezwungen, für einen Hungerlohn all dem Müll ihre Visage zu leihen, den sonst kein vernünftiger Mensch freiwillig moderieren würde. So eine Art medialer Märtyrer, die ihr eigenes Leben opfern für all die fleißigen Fernsehschaffenden, die noch eine Zukunft haben. Mutige Menschen, denen wir zu Dank verpflichtet sind, so wie den Ärzten, die unentgeltlich in Katastrophengebiete reisen, um dort den Opfern zu helfen. Niemand, der bei Verstand ist, möchte im Fernsehen arbeiten, sich vor Millionen von Menschen zum Vollhorst machen oder irgendwelche stinklangweiligen Schwachmaten-Shows präsentieren, das ist logisch. Diejenigen, die es doch tun, vielleicht sogar mehr als uns allen lieb ist, müssen demnach entweder ein sehr großes Herz oder sehr kleines Gehirn, vor allem aber eine überdurchschnittliche Leidensbereitschaft haben, oder sie müssen dazu gezwungen worden sein. Vielleicht weil die Sender irgendein schmutziges Geheimnis kennen, z.B. dass man Geld aus dem Klingelbeutel gestohlen hat, auf satanischen Messen Neugeborene opfert oder gern minderjährige Schafe bumst. Was auch immer – verdient hat so ein Schicksal trotzdem keiner. Mir tun diese Promis einfach leid.

STARS AM ENDE

1. Grafenmatratze gesucht!

Da dachten wir Unwissenden doch wirklich, nach dem arschgesichtig grinsenden Bachelor, den bematschten Rübenbauern und den schmierigen Fake-Millionären auf Suche nach willigem Weibsmaterial wäre jetzt endlich mal Schluss mit der peinlichen Viehmarkt-Verkupplung im Fernsehen. Aber jetzt legt SAT1 doch noch einen nach und fahndet nach begattungswilligen Restfrauen vom Singlemarkt für ein Rudel geiler Grafen, die mutig mal außerhalb der eigenen Familie ihr Glück finden wollen. Sinnlose Peinlichkeit in neuen Dimensionen der Doofheit.

2. … und wieder weg!

Da hat keiner richtig gemerkt, dass sie überhaupt wieder da war, und schon ist sie wieder weg! Unsere Lieblings-Margarethe, die in der Sendung mit dem schmissigen Titel ‚Schreinemakers 01805 – 100 232’ auf 9live Internet und Beratungsfernsehen vereinen wollte, ist dann leider doch nicht aus der Sommerpause zurückgekehrt. Was allerdings nicht daran gelegen haben soll, dass vorher die Quote quasi nicht mehr messbar war, sondern mehr so im gefühlten Bereich des Möglichen. Lag vielleicht doch nur am Wetter. Aber im Internet soll’s weitergehen. Super, dann kann ich es ja wenigstens dort weiter regelmäßig nicht schauen!

3. Uninteressante Welten

Auch diese Idee klang von Anfang an so langweilig, belanglos und bescheuert, dass man deshalb wahrscheinlich dachte, es müsse genau deshalb ein todsicherer Megahit werden! Gina Lisas Welt – eine fröhliche Ex-Klum-Fast-Topmodel-Blondine mit lautem Lachen und großen Glocken, die sich in ihrem Alltag von diskreten Pro7-Kameras begleiten lässt, entführt uns in die Banalität ihres künstlich gepimpten Semi-Promi-Alltags. Die unerträgliche Nichtigkeit des Seins im Doku-Format, die uns auf wenig unterhaltsame Art die Ödnis der menschlichen Existenz näher bringt. Wem soll ich eigentlich noch alles beim Leben zuschauen?

2017-02-10T01:40:18+00:00

Über den Autor:

Hier schreibt der Chef.

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