565. Die Rückkehr der tanzenden Titten (TVS 23/16)

Das TV-Business ist ein hartes, ja teilweise sogar grausames Geschäft. Ohne Pause werden Sendungen geboren und gnadenlos on Air ins Leben geworfen. Manche von ihnen werden gehegt und gepflegt, andere bleiben ungeliebt in der Nische stehen und verkümmern. Einigen ist eine gewissen Zeit der Existenz vergönnt, andere werden schon als Kind vom eigenen Sender brutal erschlagen oder im Quotenbrunnen ersäuft, wenn sie hinter den elterlichen Erwartungen zurück geblieben sind. Da die meisten Stationen in den letzten Jahren allerdings begannen, in schmutzigen Reagenzgläsern der TV-Labors hauptsächlich genetische Mutationen ohne Hirn und Seele zu züchten, die zwar funktionieren, gehorchen und günstig in der Haltung sind, aber weder von der Welt noch den eigenen Schöpfern geliebt werden. Nicht mal die Zeugung macht noch Spaß. So kamen viele Sender auf die gloriose Idee, kleine Nebenkanäle zu eröffnen, auf denen man einerseits den eigenen alten Sondermüll noch mal aus der Abfalltüte schütteln, andererseits alte Erfolge von damals einfach in billiger noch mal in neuer Besetzung aufwärmen kann. Anführer dieser Bewegung zur Wiederbelebung der Toten ist derzeit RTLplus, wo gerade unter anderem RUCK ZUCK, FAMILIENDUELL und dem GLÜCKSRAD mit dem Defibrilator der Hintern massiert wird.

Die aufregendste Nachtricht bescherte uns jedoch RTLnitro, denn dort soll nun endlich das im Grunde einzige Magazin reanimiert werden, auf dessen Rückkehr die Nation mit feucht-fiebrigen Fingern am Hosenlatz WIRKLICH gewartet hat: TUTTI FRUTTI! Die älteren unter den autoerotisch interessierten Zuschauern werden sich mit einem seligen Lächeln noch daran erinnern: attraktiv gemeinte Amateur-Paare, die abwechselnd tapsig tanzend ihre Klamotten von sich warfen, unterbrochen von als Früchte verkleideten Strip-Praktikantinnen, die sich künstlich lächelnd ihrer glitzernden Obstkorb-Dessous entledigten. Für irgendwas davon gab es sogenannte Länderpunkte, deren einziger Sinn darin bestand, dass niemand ihre Vergabe verstand. Moderiert wurde das ganze dadaistische Tittentheater in gewohnt scheißegaler Lässigkeit von Hugo-Egon Balder und einer stummen blonden Holländerin mit der Situation angemessener Oberweite.

Wie TUTTI FRUTTI RELOADED nun aussehen mag, weiß bislang niemand. Auch darf bezweifelt werden, dass ein paar verschämt präsentierte Blankmöpse mit Musik und eine Handvoll Blitznippel dem Netzporno-verwöhnten jungen Publikum heute noch den Lurch aus der Hose lockt. Und selbst der Internet-verweigernde ältere Hobby-Onanist dürfte in jedem Privatfernseh-Werbeblock nach Mitternacht befriedigender bedient werden. Bekannt ist bislang nur, dass die niederländische Brustbesitzerin aus dem Original wieder dabei sein wird, H.E.Balder allerdings nur als Gast in Erinnerungsclips. Die aktuelle Moderation müsste fairerweise an Oliver Pocher vergeben werden, der in den letzten Wochen als unlustiger Love-Doktor mit chronischer Humorschieflage und epileptischer Libido-ADHS ja beinahe täglich in den Klatschspalten bettelnd für diese Rolle vorspricht. Egal – solange wenig Inhalt, viel Obst und ausreichend unverhüllter Okolyten geboten werden, dürfte es interessanter werden als 90% des Konkurrenz-Programms!

Promi-Alterung

Neue Idee im Bereich der viel zu rar gesäten Promi-Magazine: THE STORY OF MY LIFE! Das Konzept: Promi-Paare werden auf jeweils 30 und 60 Jahre älter geschminkt und müssen dann wortreich so tun, als würden sie sich nicht lieber schnell was Jüngeres suchen. Pfiffiger Plan, allerdings mit drei ziemlich großen Haken. Problem 1: Wie viele Promi-Paare haben wir eigentlich in Deutschland? Schon die meisten Solo-Promis sind nicht mal prominent, die wenigen Pseudo-Pro-Paare haben alle eigene Bore-Doku-Shows und der Rest trennt sich gerade. Problem 2: Ein Teil der eben noch so als Promi-Paare durchgehenden Fame-Fressen sind so alt, dass man sie nur noch auf 90 und LÄNGST TOT schminken könnte. Problem 3: Das alles interessiert doch im Grunde keine Sau, oder?

Publikums-Reinlegung

Alle Zuschauer, die versehentlich die voll frische Versteckungskamera-Show REINGELEGT – DIE LUSTIGSTEN PROMI/COMEDY-FALLEN in SAT1 einschalten, sollten wissen dass sie selbst das am lautesten ausgelachte Opfer sind! Die angeblich neue Show ist nämlich im Grunde eine ganz alte, wurde nur neu zusammengeschnitten, mit einer Handvoll unnötigen Jochen Schropp-Mods aufgefüllt und flinkerhand umbenannt. So als würde man die Dose Hundefutter einfach zur Abwechslung Gulaschsuppe nennen und statt von Mutti mal von Papa im Wasserbad erhitzen lassen. Schmeckt am Ende genauso beschissen wie sonst auch und ist schon von der Grundsubstanz her absolut nicht lustig.

Weihnachts-Versauung

Wer schon dachte, nach den endlos ausgewalzten Hochzeitsvorbereitungen und der pompös-popeligen Live-Verheiratung der plastinierten Katzenberger-Katze und ihrem profilarmen Grinse-Griechen wäre endlich Schluss mit der gnadenlosen TV-Überkatzung, der hat sich leider geirrt. Im Gegenteil. Denn RTL2 droht uns nun nicht nur mit dem furchterregend klingenden Doku-Horror DANIELA KATZENBERGER – MIT LUCAS IM WEIHNACHTSFIEBER zur vorsätzlichen Vernichtung der Adventszeit, sondern auch noch damit, das Costa-Katzen-Duo mit uns LIVE Heiligabend feiern zu lassen! Intellektuell stimulierend und liebevoll besinnlich wie eine Arschbombe besoffen in eine Badewanne voll lauwarmem Glühwein, in die vorher ein Rentier gepinkelt hat. Nicht mal der Grinch hätte sich getraut, so etwas Teuflisches zu planen…

564. Go, Geissen, Go! (TVS 22/16)

Seit dem Jahr 2011 kennen die deutschen Privatfernseh-Nutzer, Gelegenheits-Glotzer und Boulevardblatt-Durchblätterer ungewollt zwei vormals rechtmäßig unbekannte Gestalten namens Carmen und Roooobert Geiss aka DIE GEISSENS. Und wegen ihres aufgezwungenen medialen Dauerdaseins in ihrer eigenen Doku-Soap über Smiling-Sofa-Sitting beim damals gerade im Sterben liegenden WETTEN DASS bis hin zu unzähligen Werbespots für so allerlei dubiosen Kokolores glauben viel zu viele Menschen leider ebenfalls, dieses sehr reich behauptete und pornös protzende Präsenz-Pestilenz-Pärchen wäre so was wie ganz dolle berühmt und prominent. Denn wie wir alle aus dem Medienbetrieb der letzten Jahre gelernt haben, haben Berühmtheit oder Prominenz längst nichts mehr mit Attributen wie Können, Talent oder Bedeutung zu tun, sondern lediglich mit maßlos übertriebener Präsenz, schamloser Eigenvermarktung und freiwilligem Verzicht auf persönliche Würde und Privatleben. Diese Untugenden verbunden mit offensiv plakativem Protztum, volksnah erscheinendem Bildungsmangel und ansatzweise selbstironischer Dusseligkeit bescherten dem debil dauergrinsenden Großgebissträger und seiner knarzkrächzenden Ehebeilage einen nur schwer nachvollziehbaren Superstar-Status. Wahrscheinlich weil sich ein Großteil der weniger betuchten Deutschen genau so einen Selfmade-Millionär vorstellt: nicht talentiert, aber clever – bisschen doof, aber nicht komplett blöd – nicht wirklich sympathisch, aber für einen netten Abend reicht es. Von nix ne Ahnung, aber immer ne dicke Hose. Und später ohne Anstrengung sich selbst und ollen Krimskrams mit eigenem Namen drauf ganz teuer verscherbeln. Der Traum des geistig Kleingebliebenen: Reich sein ohne Anstrengung und es sehr laut lachend der ganzen Welt zeigen!
Nun allerdings sorgte das stets so charmant inszenierte Höchststapler-Duo vor kurzem in der generell jedem Scharlatan sonst so gewogenen Boulevard-Berichterstattung für einigen Schock und Missmut. Einerseits durch diverse eher weniger schöne Geschichten (Klagen von Ex-Mitarbeitern, unangenehmes Geschäftsgebahren, etc.), andererseits aber vor allem mit der Androhung, das immer frecher bzw. kritischer werdende Publikum bald mit der schmerzhaften Entziehung der eigenen Medienpräsenz zu bestrafen. ‚Uns wird das alles zuviel!’ soll Carmen G. verzweifelt in Interviews geklagt haben, ebenso wie ‚Warum tun wir uns das überhaupt an?’ Eine richtige Aussage und eine gute Frage, obwohl es korrekterweise heißen müsste: ‚Den Zuschauern ist das alles schon lange zuviel!’ und ‚Warum tun sie uns das überhaupt immer noch an?’ Denn ehrlich gesagt: es hat sie ja im Grunde gar keiner darum gebeten! Auch wenn es anfangs schwer erscheinen würde, wage ich die Prophezeiung: die Welt wird auch ohne die wohltuend wohlhabenden und um sich selbst drehenden Geiss-Planeten recht gut existieren können – wir haben auch ohne sie keinen Mangel an bedeutungslosem Wahnsinn. Und notfalls müssen wir nur den ekligen Yotta und seine temporäre Porno-Trulla rufen, die verbrennen für etwas Ruhm noch mehr Millionen. Tschüssikowski!

Fantastische Farbwelten

Eine mehr als nur fantastische Nachricht, auf die alle treuen Fans und Zuschauer schon sooo lange sehnsüchtig gewartet haben: der SAT1-Logo-Ball wird wieder bunter! Endlich! Fist-in-the-Sky! Bislang farbig und von Weiß mit Ritzen umhüllt, wird er nun wieder außen colorierter mit Dunkel-White aus der Kimme glimmend! Wow! Wir alle spüren schon jetzt die Quoten in der Hose steigend – no question, die vielen Tausend Euro für das Re-Design haben sich bereits jetzt mehr als gelohnt! Wie gut dass die Kohle nicht für das pissige Programm, die austauschbaren On-Air-Arschgesichter oder langweilige Inhalte ausgegeben wurde, sondern für das wirklich Wesentliche! Denn wer erinnert sich schon heute noch an Harald Schmidt oder sonstige Quoten-irrelevante Nullnummern? Die Farben des furzigen Hüpfballs hingegen leben ewig auf unserer Netzhaut!

Vernebelte Spendengelder

Als hätten wir es nicht längst geahnt: das plakativ präsentierte karitative Herz der TV-Sender lassen sich diese von den Spenden-sammelnden Organisationen in der Regel recht gut bezahlen. So müssen zB die präsentierten gemeinnützigen Organisationen mehrere hunderttausend Euro für die großherzig erscheinenden Carmen Nebel-ZDF-Spenden-Galas auf den Tisch legen, damit auch pompös genug für den guten Zweck getrommelt werden kann. Laut ZDF nur im Sinne des Zuschauers zur Vermeidung verschwendeter Gebührengelder. Wobei das Publikum ja gar nicht darum gebeten hat, dass die alte Nebelkrähe falsch süßlich grinsend ihre Gage einsackt und für Bedürftige bettelt. Könnten wir nicht einfach so spenden? Oder das ZDF an unserer Stelle? Oder ist eklig verlogene Scheinheiligkeit nun mal einfach so teuer?

Tanzende Trottel

Talente im TV suchen ist immer ganz dufte irgendwie, genau so wie Prominente Sachen machen zu lassen, die sie gar nicht können. Beispielsweise Tanzen. Ganz suidupitoll ist es, wenn man beides verbinden kann, so wie jetzt im BUNDESTANZCONTEST aka DEUTSCHLAND TANZT auf Pro7. Pseudo-Promis tanzen und blamieren sich für ihr Bundesland. Sogar ich wurde in der Verzweiflung der Produzenten angefragt, für Niedersachsen zu performen. Leider habe ich ein Attest. Außerdem möchte meine Gegner nicht beschämen.

563. Ausbildung vs. Einbildung (TVS 21/16)

Die deutschlandweit so mittel bekannte ehemalige TV-Sendflächen-Besetzerin und Dschungelcamp-Unsympathin Helena Fürst ist eine Frau, die man durchaus ‚beeindruckend’ nennen könnte. Zumindest wenn man Attribute wie verstörend, gespenstisch und beängstigend lieber vermeiden möchte. In puncto Selbstvermarktung bzw. Verramschung hat die fast prominente Betriebswirtin und Jobcenter-Sachbearbeiterin, die durch die metaphorisch fatale Titelgebung einer früheren RTL-DokuSoap oft fälschlicherweise für eine Anwältin (der Armen) gehalten wird, jedenfalls neue Höhe- und Tiefpunkte der kreativen Egomanie und krankhaften Selbstüberschätzung gesetzt.

Nachdem die obligatorische After-Camp-Karriere zur Bespaßung besoffen blökender Bumsbirnen am Ballermann für sie wegen chronischer Talentlosigkeit im Bereich Entertainment bereits ganz zu Anfang am Ende war, begann die Fürstin auf ebay zuerst, ihre alten Promi-Klamotten (on Air getragen!) und danach sich selbst zum Meet & Greet anzubieten. Eine Stunde fürstliches Fame-Treffen mit einer echten selbsternannten TV-Legende zum zwanglosen Plausch unter alten Unbekannten, Unterhosen signieren lassen und Selfies-machen ohne Anfassen und Zunge für nur 199 Euro. Getoppt wurde dieses Special Offer danach mit dem WORST PARTY EVER BY HELENA FÜRST – FurzFeten-Komplett-Set für Bars und Clubs, inklusive Helena-Appearance und vollen vier (!) Gold-Konfetti-Shootern – schlechte Laune garantiert! Wer nun aber denkt, HF könne nur mit ihrer reinen körperlichen Erscheinung punkten, der irrt. Denn on top kann man nun ebenfalls vielfältige weitere ihrer Dienste zum Sofort-Kauf anklicken, beispielsweise Telefonberatung für so dies und das, aber auch gern Psycho-Coaching und Ratgebereien aller Art auf dem Weg zu Glück und Erfolg. Sie gibt zwar offen zu, dafür keinerlei Ausbildung genossen zu haben, ist aber überzeugt davon, dass sie das alles auch so könne, schließlich kommt sie ja vom Fernsehen.

Helena Fürst sollte uns allen und gerade auch jungen Menschen als leuchtendes Beispiel dienen. Wozu braucht man schon eine Ausbildung, wenn man über genügend Einbildung verfügt? Nur wer sich stetig selbst überschätzt, ist nie zu klein für Größenwahn. Auch wenn man nichts wirklich kann und niemand einen sehen möchte, muss man sich nur penetrant genug selber anbieten, sämtliche Spiegel zuhängen und jeglichen persönlichen Zweifel mit Arschtritt aus der blasierten Rünkelrübe kicken. Wer dazu vom Schicksal begünstigt mindestens einmal on TV einen fahren lassen durfte, kann danach sogar bei ebay seine Dienste als Promi-Proktologe, Zahnarzt oder Herzchirurg verkaufen. Denn wer mal im Fernsehen war, kann theoretisch alles, es muss nur richtig zusammengeschnitten werden. Lassen wir uns also nicht durch unser dummes Nichtskönnen beschränken, sondern sehen wir einfach die Unfähigkeit als Chance! Denn das Schöne an der eigenen Dummheit ist ja meist, dass man sie selbst für eine sehr spezielle Form der Cleverness hält.

Kardashian-Update

Bislang durften wir uns in Deutschland glücklich schätzen, dass wir die hochgradig uninteressanten Alltags-Abenteuer der prominent behaupteten Protz-Familie rund um das sich selbst inszenierende US-Arsch-Model Kim Kardashian nicht wirklich erleben mussten. Jetzt aber hat der gnadenlose Shit-Lieferant RTL2 den wochentäglichen Sendeplatz ab 15 Uhr für die unerfreulich überreichen und widerwärtig mediengeilen Präsenzpest-Waltons frei geschaufelt – und vorbei ist es mit unserer angenehmen Ahnungslosigkeit. Aber wenn die unsympathischen Fernseh-Mitesser aus der landeseigenen Affenkopp-Schmiede für die Produktion uninteressanter Banalitätsfürze nicht mehr ausreichen, muss man halt teure Nichtigkeiten aus dem Ausland dazu kaufen!

Burger Live

Keine Ahnung wo diese Idee herkam und null Ahnung was das alles soll. Fakt ist dennoch: McDonalds wird in Kooperation mit Pro7 am 15.10. zwölf Stunden lang live unter dem Titel BIG MAC TV aus einem derer Berliner Schnellfraß-Futterkrippen senden. Was auch immer. Wohl irgendwas mit Fritteusen-Live-Cams, extra Käse, Talks mit Promis und Pommes, dazu tolle Aufnahmen von Leuten, die Burger in Knisterpapier einwickeln und Gurkenscheiben schnitzen. Wahrscheinlich eins der weltweit am wenigsten erwarteten Sendekonzepte EVER! Aber Hauptsache einer bezahlt dafür. Freuen wir uns also auf BURGER KING – die Serie bei Netflix, den Animationsfilm von KENTUCKY FRIED CHICKEN und TCHIBO SHOP als Daily Soap vom NDR.

Scripted Bavarian

‚Innovation’ gilt neben ‚Kreativität’ beim Bayerischen Rundfunk eigentlich von je her als dreiste Beleidigung oder ketzerischer Aufruhr. Nun aber hat scheinbar irgendwer vom BR-Jugend-Ableger PULS während seiner Krankschreibung mal versehentlich das nachmittägliche Kack-Programm der Privaten gesehen und kam auf die Idee: Wie wäre es denn mit einer täglichen Scripted Reality – Soap aus der Sicht von so einem ganz jungen Mädel (so eins von denen das sonst bei uns Kaffeekoch-Praktikum macht), aber schön sauber geschrieben von uns, und das zeigen wir dann über dies moderne SNAPCHAT? Klingt eher gruselig, heißt inzwischen ‚iam.serafina’ und kann bald im bayerischen Netz angeschaut werden. Muss man aber glücklicherweise nicht.

562. Das schöne einfache Leben (TVS 20/16)

Rein politisch gesehen befindet sich Deutschland derzeit in einer Art orientierungsloser Schreckschockstarre. Das seit Jahrhunderten so beliebte wie auch bewährte Kanzlerinnen-Emoticon mit der Beständigkeits-Raute verliert mehr und mehr an Zustimmung, die Koalitions-Farbspiele werden immer bunter und dunkler, und die alt hergebrachten Fraktionen fühlen sich vom einst so braven Wahlvolk dreist überrumpelt, denn überall wo dieser Tage zur Urne gerufen wird, macht sich auf einmal die vorlaute kleine AfD-Partei in den Parlamenten breit wie der feucht-freche Fußpilz im Hallenbad. Auch in den Medien gibt es kaum noch ein anderes Thema als die unverständlichen Überraschungs-Blitzsiege dieser wuseligen Bande hetzfreudiger Politik-Laiendarsteller. Wobei sich eigentlich gar keiner mit ihnen so ausführlich auseinandersetzen möchte, nicht mal die Satiriker, denn bedingt durch chronischen Verfolgungswahn und komplett fehlende Selbstironie ist für sie jeder Anders Denkende eh gleich ein ‚Volksverräter der Lügenpresse’ oder ‚linksgrün versiffter Systemclown und linientreuer Merkel-Bückling’. Am liebsten würde man solch trotzige Kindergarten-Plumpheit einfach ignorieren. In der Schule wollte man sich ja auch nicht jede Pause mit den Doofen kloppen. Aber was tun, wenn die einfach keine Ruhe geben? Und wie lässt sich das deutschlandweite AfDerjucken nun erklären? Der Auftritt ist laut und polternd, die Kandidaten schmerzhaft unsympathisch, inhaltlich wird viel sehr Altes und wenig Neues geboten, außer dass alle anderen Parteien doof sind und stinken. Für sämtliche komplizierten Probleme der Welt hat man genau eine Lösung (keine Flüchtlinge mehr!) und wirklich mit regieren möchte man auf keinen Fall. Bleibt die Frage: wieso ist gerade solch eine Partei derart erfolgreich?

Antwort: eben genau deswegen! Weil sie das Leben so schön simpel macht. Man braucht nicht nachzudenken, das macht eh nur Aua im Kopf, empört nicken und in der Gruppe laut Parolen grölen reicht völlig aus. Beim Fußball schauen weiß man zuhause ja auch meist alles besser, aber mitspielen möchte man trotzdem nicht. Ein Großteil der Menschen will endlich mal einfach nur ihren Frust loswerden ohne sich dabei anzustrengen. Und dabei ist nicht immer Subtilität gefragt. Wenn früher im Mathe-Unterricht einer stets nur mit selbst gedrehten Popeln geschossen hat, war das im Grunde auch doof und eklig. Aber 12% fanden es immer noch besser als Unterricht und hielten es irgendwann für einen mutigen Protest gegen das Schulsystem. Im Grunde lieben wir alles was uns das mühsame Denken abnimmt, die harte Brotkruste von der Realität abschneidet und die komplexe Welt einfacher verdaulich macht. Auch im Fernsehen. Die beliebtesten Sender sind immer die, die uns am wärmsten einlullen und wo die Moderatoren am breitesten grinsen. Denn ist das Gehirn erst mal sanft entschlummert, können die unterdrückten Urinstinkte endlich wieder ausgelassen auf dem Tisch tanzen. Nachdenken wird eh überbewertet und ist nur was für Spießer!

Freitagsfreude

Endlich hilft die ARD ihren komplett verwirrten Zuschauern, die bisher jeden Freitag den Freitagsfilm schauten und gar nicht wussten, was Sie da eigentlich sehen, das ganze Durcheinander zu verstehen. Denn ein Film ohne eine spezielle Labelbezeichnung wie GigaBlockbusterHammerfilm, MegaFilmFilmSuperFilm oder ‚Montagskino am Dienstag’ ist letztlich nichts als einfach nur irgendein furziger Allerwelts-Film, den das Publikum gar nicht einordnen kann. Deshalb spendiert das Erste den sympathisch eindimensionalen Degeto-Freitagsfilmen nun ein positiv einstimmendes Wohlfühl-Label: ENDLICH FREITAG IM ERSTEN! Das öffnet Herz und Hose, schaltet das Hirn auf Durchzug und zaubert ein herrlich dösiges Lächeln auf das stumpfe Gesicht. Wochenende!

Sprechstunde

Auf der Suche nach langweiligen Scripted-Fake-Reality-Formaten, die unsere Intelligenz aushöhlen und den guten Geschmack rasant durch den Harnleiter jagen, ist SAT1 bereits vor einiger Zeit mal wieder im Müllsack fündig geworden. In AUF STREIFE und selbiger in BERLIN schickt man teils echte Polizisten durch saudumme Blödbullen-Geschichten, und weil das genügend arme Schweine gucken, schiebt man jetzt auf die gleiche Art noch ein paar bekloppte Hospital-Stories hinterher. Freuen wir uns nun also (nicht wirklich) auf KLINIK AM SÜDRING, wo ziemlich echtes Krankenhaus-Personal auf ganz echt beschissene Laienschauspiel-Nulpen plus Streife-Pseudo-Polizei und komplett hirntote Doofgeschichten trifft. Operation misslungen – Verstand tot!

EinsKay-Ende

Dass die oberpeinliche Suche nach einer temporären Kopulations-Unterlage für Aushilfs-Rapper Kay One in PRINZESSIN GESUCHT mit Krawumms in die Hose ging, überraschte eigentlich keinen, außer vielleicht RTL2. Weil am Ende aber doch noch irgendwer versehentlich zuschaute, ermutigte dies den verzweifelten Sender zu einem zweiten, ähnlich unnötigen Format: KAY ONE – SÄNGERIN GESUCHT. Das lief dann wie erwartet doch noch mal so richtig beschissen, wieso es schnell und heimlich in Doppelfolgen versendet wurde. Bin mal gespannt, was sie als nächstes für den Einser-Kai suchen, um den Flop-Hattrick zu vollenden. Nur weil etwas total erfolglos ist, muss man ja längst nicht damit aufhören, wenn es dafür inhaltlich zumindest richtig schlecht ist!

561. Zivile mediale Verteidigung (TVS 19/16)

Die kürzlich von der Bundesregierung veröffentlichte neue ‘Konzeption Zivile Verteidigung’ hat in der Bevölkerung zu heftigen Diskussionen geführt. Dieses Papier soll den Bürgern (neutral, sachlich und ohne höchstwahrscheinlich ganz unnötige Panikmache) dabei helfen, sich auf den eigentlich absolut lachhaft unmöglichen (aber rein theoretisch ja doch schon irgendwie denkbaren) Fall einer ernsthaften Gefährdung des Territoriums Deutschland vorzubereiten. Denn wie soll man sich als Individuum verhalten, käme es wirklich einmal zu einem gewaltsamen Angriff (‘das Militär’, ISIS, Flüchtlinge, Russen, Spectre, Godzilla, Butzemänner jeglicher Couleur), einer Naturkatastrophe (Tsunami, Erdbeben, Regierungswechsel, Sharknado, schlechte Spargel-Ernte) oder sonst einem Ereignis, das die gesamte Nation bedroht (bundesweiter Stromausfall, Pokémon Go – Update, mieser TATORT, schlechtes Handy-Netz)? Was gehört beispielsweise in jede gute Hausapotheke (Heftpflaster, Aspirin, Bach-Blüten, Kondome, Zigaretten, Drogen, Jägermeister)? Welche Getränke (Erwachsene pro Tag 2 Liter Alkohol und halber Liter Wasser/ Kinder drei Liter stark zuckerhaltige Erfrischungsgetränke/ Rentner gezielt dehydrieren) oder Lebensmittel sollte man in ausreichender Menge im Haus einlagern (Bifi, Ravioli, Haustiere/ für Veganer: Kichererbsen, Quinoa, Styropor)?

Ebenso wichtig ist die mediale Notversorgung. Die Regierung empfiehlt für die Zeit einer möglichen Einbunkerung die Grundversorgung an beliebigen brägenberuhigenden Boulevardblättern (Gala, Bunte, InStyle, Hakle feucht), deren intellektuell einlullende Storys im Shuffle-Modus wiederholt gelesen werden sollten (putzige Royal-Kinder, Heidi Klum küsst Vito Schnabel, Vito Schnabel küsst Heidi Klum, Sophia Thomalla küsst tätowierten Musiker). Musikalisch sollten möglichst alle Geschmacksrichtungen durch ein breites Spektrum an Künstlern abgedeckt werden (Helene Fischer, Andrea Berg, Michael Wendler), wobei auch die Freunde der Klassik nicht zu kurz kommen sollten (DJ Ötzi, Amigos, Helene Fischer). Im Bereich TV rät das Innenministerium dazu, auf den Konsum hochklassiger Serien (Game of Thrones, House of Cards, Lindenstraße) zu verzichten, um nicht in Versuchung zu geraten den sicheren Schutzraum vorzeitig zu verlassen, bloß um sich die nächste Staffel zu besorgen. Empfohlen werden vor allem fiktionale volksnahe Programme (Berlin – Tag & Nacht, Familien im Brennpunkt, Mein dunkles Geheimnis), die den Schmerz über mögliche Verluste in der Bevölkerung verringern sollen. Ganz allgemein werden die Fernsehsender dazu angehalten, weiterhin Geschichten, Charaktere und soziale Umfelder in ihren Produktionen so darzustellen, dass die Rettung der Erde nicht mehr als vordrindliche Aufgabe und das lebenslange Verbleiben im sicheren Schutzraum als durchaus positiv zu bewertende Option empfunden wird. Also keine Panik – im Grunde bleibt alles beim Alten!

Murks-Mix

Juhu! RTL2 zündet eine neue Rakete der intellektuellen Rohrkrepierer! Der erste und hoffentlich letzte Mix aus Doku-Soap und Blöd-Promi-Magazin: INTOUCH – STARS. STYLES. STORIES. Die Rahmenhandlung des ganzen Gammels spielt in den Redaktionsräumen des gleichnamigen Buntebilder-Heftchens, wo die Mitarbeiter hocken, sich dusselige Geschichten ausdenken und ganz viel Kaffee trinken. Von dort aus ziehen sie dann in die Welt der boulevardesken Belanglosigkeiten und bringen aufregend unwichtige Stories aus der Welt der Berühmten und Bekloppten mit, die alle anderen Murks-Magazine auch schon gezeigt haben. Gute Nacht, Großhirn! Kleinhirn schläft schon.

Nackt-Nix

So richtig doll viele haben sich bisher noch nicht für die nichtsnutzige Nackt-Verkupplungs-Show ADAM SUCHT EVA interessiert. Aber leider auch nicht wenig genug, um sie abzusetzen. Deshalb kommen in der dritten Staffel des Grauens nun zu den elf unbekannten FKK-Arschgeigen noch sieben mutmaßliche ‚Promis’ hinzu, die ideen- und klamottenlos ‚die große Liebe’ suchen. Und weil man sich von den pseudo-prominenten Pimmelschwingern und Möpsewacklern eine massive Quoten-Erektion verspricht, bringt RTL die nulpige Nudisten-Langeweile diesmal sogar als tägliche Timekiller-Event-Show wie Dschungel-Camp und Promi-Sommerhaus. Bitte nur ohne Hose gucken!

Akte X – Mix

Und noch ein schändlich schlimmer Schüttel-Shake-Schiss aus der RTL2-Furz-Format-Truhe: DIE STRASSENCOPS – MYSTERY. Und es ist wirklich so schlimm wie es klingt, bzw. noch viel schlimmer: ein Ableger der STRASSENCOPS (eine jener vielen derzeit so erschreckend beliebten Fake-Polizei-Formate) mit übersinnlichen Mystery-Fällen. Quasi AKTE X trifft VERDACHTSFÄLLE, aber ohne Drehbuch nach Ideen aus der Mülltonne des Affenhauses im Parallel-Universum der Peinlichkeit, mit vom Teufel der Talentlosigkeit besessenen Laiendarsteller-Imitatoren und gedreht von der Vollversager-Video-AG der Schwachmaten-Schule für schundige Scheißfilme. Der menschliche Verstand kann das alles nicht ohne psychische Schäden überstehen und freiwillig anschauen will das kein Mensch – gesendet wird es trotzdem. Ein Mysterium.

Oliver Kalkofe