577. Der Tag, an dem das Fernsehen starb (TV 09/17)

Es gibt Momente in der Geschichte, die alle Menschen in der kol-lektiven wie individuellen Erinnerung vereinen. Meist handelt es sich dabei um Katastrophen, Attentate oder sonstige globale Schock-Meldungen. Der Mord an John F. Kennedy, die Terror-Anschläge des 11. September, die Wahl von Donald Trump – fast jeder weiß ganz genau was er wo tat, als er die Nachricht darüber empfing. Und so wird sich auch jeder noch in Jahr-zehnten mit Schrecken daran erinnern, was er gerade in der Nacht vom 28. zum 29.3.2017 machte, als um 0 Uhr plötzlich ganz unerwartet der Fern-sehschirm in Dunkelheit getaucht wurde. Einige freuten sich auf den Be-ginn einer weiteren heiter-interessanten Panzer-Parade in den mitternächtli-chen World War II – Dokus von ZDF History oder einem der vielen Nach-richtensender mit N im Namen, andere auf die Wiederholung des eben ge-sehenen Hauptabendprogramms, wieder andere öffneten just entspannt die Hose, um auf SPORT 1 den ersten Sexy Clips flankiert von animierender Werbung für lüsternen Festnetz-Telefonsex mit unansehnlichen Domina-Rentnerinnen jenseits der 65 entgegen zu fiebern. Doch dann der Schock – alles schwarz! Kein Bild, kein Ton. Kein ‚Ruf mich an‘, kein Hitler, kein gar nichts.

Gut, ein paar ganz wenige supergenaue Schlaumeier hatten es durch einen der unzähligen Berichte während der letzten Monate vielleicht mitbe-kommen und streberhaft vorgesorgt. Den überwiegenden Rest allerdings, der ehrlich und gewissenhaft wie immer jegliche Warnung und Aufklärung standhaft ignorierte, traf es wie ein Schock: Wie aus dem Nichts wurde der bisherige TV-Antennenbetrieb via DVB-T umgestellt auf das ultramoderne DVB-T 2. Eine vollkommen unnötige und inhaltlich sogar gefährliche Än-derung, erlaubt diese nämlich nun den Empfang der meisten Fernsehpro-gramme in hoch auflösendem HD – was auch bedeutet, dass man das ganze Elend jetzt fehlerfrei in bester Qualität ertragen muss, ohne die schützende Hand der verwaschenen Unschärfe, die so manch furchtbares Bild bislang gnädigerweise nur schwer erkennbar auf die Mattscheibe flimmern ließ. Noch unschöner allerdings ist die Tatsache, dass quasi alle mehr als ein Jahr alten Geräte mit der neuen Technik nicht mehr zurechtkommen und gepflegt in die Bio-Tonne gedrückt werden können. Zur Anschaffung neuer Receiver und Fernseher kommt zudem noch die erfreuliche Neuerung, dass – neben der absolut gerechtfertigten und vom Publikum hoch geschätzten GEZ-Gebühr für die hervorragenden und stets zu lobenden öffentlich-rechtlichen Qualitätsprogramme (Zwinkersmiley) – jetzt auch von den doo-fen Privatsendern eine Gebühr von ca 70 Euro jährlich für den Empfang erhoben wird, sonst bleibt die Kiste düster. Zählt man all diese monetären und verkomplizierenden Hürden zusammen, verwundert es nicht dass bis-her noch nicht einmal 20 Prozent der Betroffenen das große Spiel der unge-fragt aufgezwungenen Fernseh-Verschönerung mitspielen. Der größte Teil verzichtet einfach dankend auf die neueste Nötigung, nutzt Internet, Streaming-Dienste oder freiwilliges, ehrliches Pay-TV, liest wieder mal ein gutes Buch oder eine alte TV-Zeitschrift oder lebt einfach so sein eigenes Leben. Das Fernsehen ist schon so lange dabei, sich selbst abzuschaffen – da muss man dem dahinsiechenden Selbstmord ja wirklich nicht bis zum letz-ten Röcheln zuschauen!

Heißer Scheiß

Ein Alptraum wird wahr: In seinem unkontrollierbaren Recycling-Wahn hat der Innovation-Allergiker RTLplus angekündigt, auch den unerträglichen Game-Show-Horror-Klassiker DER PREIS IST HEISS wieder auferstehen zu lassen, in dem ein hysterisch schreiendes Publikum aus konsumgeilen Shopping-Monstern ohne Hirn im Warenkorb genötigt wird, wahllose Produktpreise zu memorieren. Wolfram Kons soll diesmal das sprechende Walross Harry Wijnvoord spielen und lernt gerade fleißig holländischen Akzent. Ob Marktschrei-Legende und Fast-Bundespräsident Walter Freiwald zum Mitbrüllen aus der Geschlossenen entlassen wird, ist bislang noch nicht bekannt.

Nacktes Grauen

Wenn ein verzweifelter Privatsender wie SAT 1 ernsthafte Konsumkritik äußern möchte, sieht das so aus: einem armseligen Häuflein Menschen wird die Wohnung leergeräumt und die Kleidung gemopst. Dann sind sie erst mal komplett nackig, hihi, und damit ist das wichtigste Quotenargument schon mal abgehakt, denn die Sendung heißt schließlich ja auch NACKTES ÜBERLEBEN. Dann gibt es jeden Tag ein Luxus-Leckerli zurück und dazwischen wird ganz viel dummes Zeug gelabert – unterbrochen von ausgedehnten Werbeblöcken mit allerlei stolz präsentierten Konsumgütern. Am Ende wird noch mal staunend intellektuell reflektiert, dass man ja im Leben echt gar nicht so viel braucht wie man so hat. Stimmt, aber ein bisschen mehr Verstand und Menschenwürde sollte man sich schon leisten dürfen!

Einsame Wirte

RTL2 hat vielleicht kein Herz für intelligente Zuschauer, dafür jedoch umso mehr für ungepoppte Randgruppen-Singles. Jetzt helfen sie deshalb den alleinstehenden Gastwirten auf die Sprünge und suchen für sie ein paar passende GV-Gesellinnen. WIRT SUCHT LIEBE heißt der kauzige Verkupplungsversuch nach altbekannt langweiligem Muster, präsentiert in deutsch-ähnlichem lustigen Kauderwelsch von Brigitte Nielsen. Wie heißt ein altes Sprichwort: Wer nichts wird, wird Wirt. Und hast du dann noch Pech dabei, sehen wir dich bei RTL2!

576. Die Evolution des Fernsehens (TVS 08/17)

Das Fernsehen. Besser gesagt: das Fernsehgerät. Was dieser kleine Schlingel doch für eine verrückte Entwicklung gemacht hat! Die ganz schön Älteren werden sich vielleicht noch erinnern, wie die ersten klobigen Glotzwürfel in den 50er Jahren aussahen, quasi wie heute eine sehr altmodische kaputte Mikrowelle. Das Bild war klein, schwarzweiß und flimmerte furchtbar. Was allerdings dadurch erträglich blieb, dass es so gut wie keine Inhalte zu zei-gen gab, die ein besseres Bild erfordert hätten, denn meistens saßen nur di-cke alte Männer in einem kargen Studio und laberten bedächtig vor sich hin.Das änderte sich in den frühen 60ern, als plötzlich ein zweites Pro-gramm wie der Blitz in die monopolistische Mini-Medien-Wüste einschlug: ARD 2! Was allerdings schon sehr bald zum gloriosen ZDF umgeändert wurde. Spätestens jetzt wurde es unübersichtlich – der Zuschauer musste sich entscheiden, er brauchte TV-Zeitschriften, es gab Konkurrenz, die Pro-gramme begannen bereits am frühen Nachmittag und gingen manchmal so-gar fast bis Mitternacht. Eine ungesunde Entwicklung für den Zuschauer, der diese erfreuliche Ablenkung allerdings nur allzu gerne über sich erge-hen ließ – obwohl bis 18 Uhr ja eigentlich gearbeitet oder für die Schule ge-lernt werden sollte. Die Gehirne wurden also kleiner, die Fernsehgeräte al-lerdings langsam immer größer. Manche sperrte man gar in komfortable ab-schließbare Kisten, damit Frau und Kinder nicht unbewacht Unfug schauen konnten. Nicht selten zierte eine schmucke Zimmerantenne ihr Haupt wie ein kecker Chapeau, an der gar gern und oft geruckelt wurde, um die zitte-rig-verschlierten Wackelbilder einigermaßen stabil zu halten. Am 25.8.1967 wurden diese sogar farbig, nachdem Kanzler Willy Brandt ver-sehentlich bei der IFA auf einen großen roten Zauberknopf gedrückt hatte. Die Aussicht auf den quietschebunten Augenschmaus ließ die TV-Geräte größentechnisch immer mehr aufquellen, und die Ehegattin wurde als le-bende Fernbedienung durch eine elektronische abgelöst.
Mitte der 80er hielten die ersten zaghaften Versuche der Privatsender Einzug in die bundesdeutschen Haushalte, und die darauf folgenden 90er bescherten dem Medium das goldene Zeitalter: die privaten TV-Stationen schossen wie Pilze aus den Füßen und geizten nicht mit Geld und kreativem Überschwang. Jeder wollte zeigen was er konnte und wie er das zunehmend schnarchige Medium revolutionieren würde. Wir wissen inzwischen: das meiste davon ging mit Karacho in die Hose, aber zumindest der Wille war da! Die Geräte schlossen sich dieser Innovationsfreude nur zu gerne an: der wuchtige Fernsehklotz mit dem fetten Arsch von einst war passé, dank so mancher Schönheits-OP zeigte er sich nun sexy mit breiterem Lächeln, schmalerem Hintern und dickerer Sound. Geilomat.
Inzwischen hat sich alles noch einmal gedreht. Fernsehgeräte gibt es kaum noch, an den Wänden hängen feiste Flatscreens mit der Figur eines magersüchtigen Top-Models und der Größe einer früheren Bahnhofskino-Leinwand. Nur der Inhalt hat sich verabschiedet, denn Herz und Nieren des einst so gesunden Lebenssystems haben sich durch Gier und Übermut selbst verkrüppelt. Der ehemals mediale Volksempfänger wird zunehmend zur reinen Abspielstätte externer Inhalte, während die einst lebenswichtigen Sender tüchtig an ihrer eigenen Bedeutungslosigkeit arbeiten. Womit das TV-Gerät die erste Spezies sein dürfte, die gelernt hat, getrennt von ihrem eigentlichen Organismus zu existieren. Die Evolution sagt: Herzlichen Glückwunsch!

Scandalo Italiano

Im italienischen Fernsehen gab es auf RAI-1 gerade etwas Aufregung wegen einer Talk-Show, die über die Vorzüge von osteuropäischen Frauen gegenüber den langweiligen einheimischen Moppelschnitten informieren sollte. Denn – so stellte es sich dort heraus – die sind gute Hausfrauen, treu und sexy, wimmern und schmollen nicht, verzeihen Fremdgehen und tragen zuhause Minirock statt Jogging-Anzug! Dazu gab es noch ein paar protzige Puffgeschichten von Promis, nur leider keine Preislisten und Bestelladressen. Das führte zu einem immensen Shitstorm gegen den Sender und der sofortigen Absetzung des Formats. RTL hat bereits Interesse für die deutsche Adaption angemeldet.

Schul-Stress

SAT 1 bringt uns eine modrig-frische brandneue Idee, die es erst ganz oft schon vorher gab: Kinder im Wettstreit gegen Erwachsene! Wow. Diesmal mit Luke Mockridge als Moderator und dem ungemein schmissigen Titel LUKE! DIE SCHULE UND ICH – VIPS GEGEN KIDS! Bis der Titel fertig ausgesprochen ist, ist die Sendezeit allerdings vorbei, daher merken wir uns lieber LDSUIVGK – ist einfacher und klingt besser. Es geht um Schulwissen, aber auch ‚körperliche und künstlerische Ertüchtigung‘, was mir schon als Ankündigung Angst macht. Empfehle daher lieber die große Pause um mal richtig abzuschalten!

Eltern-Dating

RTL meint es bekanntermaßen nur gut mit seinen Zuschauern und kümmert sich wieder mal darum, ungepoppte Singles zur möglichen Koital-Verbindung miteinander zu verkuppeln: MEET THE PARENTS! Wie der Titel schon andeutet trifft diesmal allerdings immer ein Alleinstehender auf die Eltern des möglichen zukünftigen Knatter-Kumpels, wobei Mama & Papa für ihr Kind mit Schmackes die Werbetrommel rühren sollen. Und jeder weiß, was dabei nur rauskommen kann… Freuen wir uns auf neue Endgegner-Level im Game of Fremdscham!

575. Ich bitte um Aufmerksamkeit! (TVS 07/17)

Die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne des Menschen hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten immens verringert. War man früher noch in der Lage, ganzen Sätzen mit Subjekt, Prädikat und manchmal sogar Objekt vom Anfang bis zum Ende mental zu folgen, so ist man heute… Hallo? Lesen Sie überhaupt noch mit? Okay, ich mach’s kürzer: sehen Sie sich mal Filme oder Serien von damals bis in die späten 80er an. Lange Autofahrten von A nach B und zurück plus Tanken. Langweilige Landschaftsaufnahmen von teilweise sehr langweiligen Landschaften. Rauchende Menschen, die ernst und stumm einander anschauen. Nachdenkliche Gesprächspausen, in denen man bequem das große Geschäft erledigen konnte. Selbst der Trailer eines Actionfilms aus den Siebzigern war langsamer erzählt und geschnitten als heute eine komplette Folge der LINDENSTRASSE. Auch wenn das eigene Leben vielleicht stinklangweilig ist – auf Leinwand und Bildschirm sind wir inzwischen gewohnt, mit gedrücktem Schnellvorlauf zu schauen!

Bücher und Zeitschriften waren früher eng bedruckt, um das Lesen an sich zu einem Moment der intellektuellen Selbst-Geißelung werden zu lassen. Bilder waren ein seltener Bonus, bunt kostete extra, aber man sollte auch nicht zu sehr vom Text abgelenkt werden. Mittlerweile haben wir uns daran gewöhnt, uns meist schon mit einem knalligen Foto plus Überschrift zufrieden zu geben, an guten Tagen nimmt man vielleicht noch die Unterzeile oder das Fazit im letzten Absatz mit. Online-Dienste wie Instagram und Snapchat haben den jungen Menschen derweil endgültig bewiesen dass Worte, Inhalt und Reflexionszeit letztlich sogar komplett überflüssig sind. Twitter als internationales Kommunikationsmedium, bei dem keine Nachricht mehr als 140 Zeichen haben darf, zeigt dass die einstige Kurzsprech-Horrorvision aus Orwells BIG BROTHER auch Spaß machen kann, wenn man ein #Hashtag und lustige Emojis vor wichtige Worte setzen kann. Und spätestens seit der geistig ähnlich stark limitierte US-Präsident Trump seine Privat-Fehden und Staatsgeschäfte über den Zwitscherdienst verrichtet, dürfte es bis zur ersten 140-Zeichen-#DoktorArbeit nur eine Frage der Zeit sein (Zwinkersmiley!).

Wer noch bis an die Zeit vor den Neunzigern zurück denken kann, der wird sich daran erinnern, dass selbst im Radio damals viel geredet wurde. Es gab so genannte ‚Wortbeiträge‘, die sich länger als eine Minute dreißig Sekunden um ein Thema drehen durften, dabei häufig sogar ganz ruhig und unaufgeregt gesprochen und nicht immer so als drohe man vor lauter überkokster Fake-Fröhlichkeit während des nächsten Satzes laut lachend zu explodieren. Um die störenden Sprachanteile zwischen Musik und Werbung noch weiter zu kürzen, werden die ersten Funk&Fun-Stationen demnächst wahrscheinlich nur noch Emotions-Angebote als Befehle zwischen die Titel gebrüllt: Lachen! Mitgefühl! Wow, voll unglaublich! – Dürfte keinen großen Unterschied mehr machen.

Das Gehirn des Menschen ist ein faszinierendes Organ. Es ist zu unbeschreiblich komplexen Gedankengängen und großen kreativen Schöpfungen fähig. Je mehr man es benutzt, desto unbegrenzter sind seine Möglichkeiten. Aber wie ein verspielter Welpe kann es mit einem Stück Wurst und einer Quietsche-Ente stundenlang abgelenkt und eingelullt werden, denn am liebsten liegt es schlafend auf dem Rücken und sabbert. Konzentration strengt irgendwie auch an und Anstrengung ist altmodisch. Ich bitte deshalb um Entschuldigung für diesen ekelhaft langen Text. Das Arsch-Selfie eines lachenden Promi-Models aus dem Urlaub hätte auch gereicht. Ich bete zu Gott, dass Sie nicht wirklich alles gelesen haben!

Kommt mit!

Die geheimen Weltherrschafts-Fantasien der Öffentlich-Rechtlichen hören nicht auf: auch wenn die schunkelnde Infanterie der LUSTIGEN MUSIKANTEN und des MUSIKANTENSTADLs schon lange nicht mehr in die Welt ausrückt, um fremde Länder mit deutschem Unterhaltungs-Horror zu terrorisieren – das ZDF gibt nicht auf! Denn der ZDF-FERNSEHGARTEN begnügt sich nicht mit der einschläfernden Einlullung der früh dösenden Einheimischen, sondern gräbt jetzt auch auf Fuerteventura um und sendet im April den frischen Unterhaltungs-Dung, um auf den Sommer einzustimmen. Während im Hintergrund weiter die internationale Entertainment-Invasion geplant wird.

Schmeißt weg!

Früher hat man alten Kram auf dem Flohmarkt verscherbelt, doofen Verwandten zu Weihnachten geschenkt oder einfach irgendwann weggeschmissen, heute macht man Fernsehsendungen daraus. Trödel-Shows boomen wie verrückt, auch wenn keine Sau versteht, warum eigentlich. Auf jeden Fall erwartet uns nach BARES FÜR RARES auf ZDFneo demnächst das neue Krimskrams-Quiz CLEVER ABGESTAUBT mit Steven Gätjen und auf RTL2 zusätzlich zum alt bewährten TRÖDELTRUPP nun auch noch SCHÄTZ DICH REICH – DAS TRÖDEL-QUIZ mit Moderiermaschine Giovanni Zarrella. Willkommen beim Mülltüten-TV!

Malt an!

Der einstige Frauensender SIXX wird mehr und mehr zum Spezialsender für farbig geritzte Körper-Krickeleien. Freitags jedenfalls gibt es demnächst Tattoo-Formate nonstop vom frühen Abend bis in die tiefe Nacht: Erst INK MASTER, dann TATTOO SHOCKERS gefolgt von BODYSHOCKERS und zwei Folgen TATTOO NIGHTMARES – danach die ganze Schleife noch mal wiederholt und am Ende gekrönt von HORROR TATTOOS. Wer sich danach nicht laut schreiend selbst mit einem heißen Filzstift die Genitalien bemalt und die Perso-Nummer in den Hintern ritzt, hat nichts begriffen!

574. Die Geburt der Fake News (TVS 06/17)

Seit einigen Wochen kursiert in den Medien der Begriff der so genannten ‚Fake News’ und jeder fragt sich: was ist das eigentlich und wo bekomme ich die? Populär wurde diese Bezeichnung durch den bekannten amerikanischen Intellektuellen Donald Trump, der damit meinte: ‚sämtliche Fakten, die mir nicht gefallen und die ich gern anders hätte’, dem dann der artverwandte Ausdruck ‚Alternative Fakten’ für ‚selbst gemachte Fake-News, aber im positiven Sinne (für mich)’ folgte. Dies führte in den internationalen Medien dazu, dass inzwischen alle einander misstrauen, das Publikum dazu erzogen wird, einfach nur noch zu glauben was es gern möchte und jeder dem anderen einfach ‚Fake-News!’ oder auf deutsch ‚Lügenpresse!’ an den Kopf schleudern kann, wenn ihm eine Tatsache gerade nicht passt. So eine Art Doofen-Joker im Argumente-Mau Mau der Realitätsverweigerer, ein magischer Schutzmantel gegen die fiese Vernunft, gewebt aus Dummheit und Ignoranz, um damit das eigene Gehirn vor anstrengenden Denkvorgängen zu bewahren. Der große politische Vorteil: wenn das Vertrauen an Zeitungen, Fernsehen und Rundfunk erst einmal derart generell erschüttert ist, dass die Bevölkerung auch alle einstmals seriösen Medien in Frage stellt, gibt es kein öffentliches Korrektiv mehr und man kann machen, was man will – denn niemand, der etwas gegen einen sagt, hat Recht! Die schleichende Umerziehung der Massen dazu, komplexe Inhalte und Nachrichten hauptsächlich als Hashtags über Twitter zu rezipieren, führt metaphorisch ausgedrückt zu einer freiwilligen Lobotomie des einzelnen Rezipienten: Hier ist mein Hirn, schneid alles raus, was ich deiner Meinung nach nicht mehr brauche – je leerer der Kopf, desto höher kann ich ihn halten!

Denkt man ein paar Jahrzehnte zurück, dann wird man sich an eine Zeit besinnen, in der Zeitung, Radio und sogar das Fernsehen als höchst seriöse Medien galten, denen man als Bürger erst einmal absolut alles glaubte. Erst mit dem Auftauchen der Privaten begannen sich die starren Grenzen zwischen dem unantastbaren Respekt-Medium Fernsehen und der Welt darum herum langsam zu erweichen. Die Straße wurde zum Studio, die Statisten zu Hauptdarstellern und die Realität mit ein wenig gefälliger Inszenierung zur Volks-Unterhaltung. Der größte Schritt allerdings geschah heimlich: ich erinnere mich, wie bei RICHTERIN BARBARA SALESCH, die zuvor noch echte Zivilrechtsfälle wie um den legendären ‚Maschendrahtzaun’ verhandelte, nach der Boris Becker – Besenkammer-Affäre plötzlich ein brisanter Fall von ‚Samenraub’ präsentiert wurde. Nur dass die Story krankhaft absurd war und die Menschen darin agierten wie sehr schlechte Laiendarsteller, die sehr dumme Menschen darstellen sollten. So schlich sich die Scripted Reality ins TV ein, um von nun an täglich mit mies inszenierten und als echte Dokus getarnten Brainfuck-Fake-News ganz langsam unser gesundes Wahrheits-Empfinden zu zersetzen und unseren Verstand in die schleichende Blödigkeit zu lullen. Die Sender opferten freiwillig die Vernunft und Kritikfähigkeit ihrer Zuschauer, nur weil es rein rechnerisch kurzfristig profitabel war.

Heute sind wir erfolgreich verblödet, halten uns für wahnsinnig schlau und sind trotz oder gerade wegen der großen bunten Medienvielfalt leichter zu manipulieren als jemals zuvor. Herzlichen Glückwunsch.

RTL-Stopp

Es war ein perfider Plan von RTL: da wollte man mit RTL INTERNATIONAL einen weltweit empfangbaren Bezahlsender etablieren, um damit Auswanderer und Touristen zu quälen, die Deutschland zB wegen des schlechten TV-Programms verlassen hatten. Um diese Fernsehflüchtigen extra zu bestrafen und zu demütigen, wollte man dort nur alte RTL-Kamellen aufwärmen und die Zuschauer auch noch extra dafür zur Kasse bitten. Hat nicht so geklappt und jetzt wird der ganze Gammel wieder eingestellt. Lag laut RTL an den vielen illegalen Piraterie-Plattformen. Na Gottseidank nicht am schlechten Programm!

Ötzi-Boost

RTL2 hat ein neues Sendergesicht, sogar eins mit Mütze! DJ Ötzi, der bekannte österreichische Disco-Nuschelbart mit dem gestrickten Eierwärmer, soll mit seinem neuen Lied und seinem Körper von nun an für das Qualtitäts-Programm von RTL2 in Werbetrennern und Imagefilmen auftreten, um so von BERLIN – TAG & NACHT, FRAUENTAUSCH und anderen Scheußlichkeiten abzulenken. Immer wenn wieder ein besonders peinliches Programm-Lowlight läuft, kommt jemand ins Bild und ruft: ‚Guck mal, da ist ja DJ Ötzi!’ und schon ist das furchtbare Programm für einen Moment vergessen. Es gibt viel zu tun…

Late-Blüm

Der gemütlich-behäbige Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm möchte Late Nighter werden und übt schon mal im Internet, wo er mit einschläfernder Intensität als eine Art sehr langsam abgerissenes Kalenderblatt von historischen Ereignissen des Tages berichtet. ARD und ZDF zeigen bereits Interesse, das Format des knackigen 81jährigen zu übernehmen, um sich damit an die jüngeren Zielgruppen anzuschmeicheln. Pro7 hat das Material als zu progressiv abgelehnt, RTL als zu intellektuell, SAT1 denkt nach über einen Einsatz im neuen Spartenkanal SLEEP für Wachkoma-Patienten aus dem Best-Ager-Segment. Go, Nobbi, Go!

573. Theorien zu Trump (TVS 05/17)

Seit einigen Wochen fragt sich die ganze Welt: who the f*ck ist eigentlich dieser Donald Trump? Ein 70-jähriger Grimmigkucker und missgelaunter Misanthrop mit künstlicher Orangenhaut und albern-ulkiger Wuschelwellen-Frise, der in sämtlichen Medien momentan gerade sehr aufmerksamkeitsheischend den Präsidenten der Vereinigten Staaten spielt. Seine Erfolgsmasche und Markenzeichen: eruptives Selbstbewusstsein, wirre Egomanie, komplettes Ignorieren jeglicher Realität und rassistisch-reaktionär herausgepolterte Polit-Plattitüden mit Extra-Schuss Chauvinismus wie von Oppa Adolf beim Stumpfhirn-Stammtisch im Altenheim der Protestwähler. Bekannt geworden war er in den USA als protziger Selfmade-Milliardär mit dauerdicker Hose (so eine Art Jonathan Hart in unsympathisch) sowie als Star seiner eigenen Reality-Show THE APPRENTICE, in der er als muffiger Super-Chef einen Praktikanten nach dem anderen feuerte. Ein schwieriger, aber stinkreicher komischer Kauz, den irgendwie keiner jemals mochte, aber im Grunde auch niemand ernst nahm. Nie wirklich klug oder lustig, aber aus der Ferne doch auf bizarre Weise amüsant.

Seit einigen Wochen gilt dieser rumpelige Rüpel-Rentner nun allerdings wie gesagt ganz offiziell als der mächtigste Mann der westlichen Welt, was zunehmend zu Verzweiflung, Verwirrung und global erhöhter Zugluft durch kollektives Kopfschütteln und millionenfach offen stehender Münder führt. Denn all seine hanebüchenen Anordnungen, luftblasigen Reden und impulsiven nächtlichen Twitter-Meldungen können so langsam selbst von seinen bislang treuesten Followern nicht mehr ohne akute Gesundheitsgefährdung schön gesoffen werden. Was also soll das alles? Wie lässt sich das Phänomen des fleischgewordenen Irrsinns erklären? Hier drei ziemlich plausible Lösungsansätze:

Die Matrix-Theorie: Die Realität existiert schon lange nicht mehr so wie wir sie zu kennen glauben, sämtliche Menschen inkl. Keanu Reeves liegen als humanoide Energiequellen in schleimfeuchten Schlafkammern, das Bewusstsein wird uns von außerirdischen Besatzern künstlich in den Brägen gepumpt. Leider jedoch kam es durch eine akute Blasenentzündung eines Aliens kürzlich zu einer ungeplanten Spontan-Strullung in die Matrix-Suppe, was zu Wahnvorstellungen, absurden Logikbrüchen und irrwitzigen Verstandsverknotungen im gemeinschaftlichen Fake-Bewusstsein führte.

Die Fernseh-Theorie: Wir sind alle Zeugen und unfreiwillige Teilnehmer des größten TV-Reality-Langzeit-Experiments aller Zeiten! Donald Trump ist in Wirklichkeit ein begnadeter Schauspieler, der einen radikalen tumben Trottel spielt, der es aller Logik zum Trotz vom gewöhnlichen Immobilienmakler bis zum Multi-Millionär und Präsidenten der USA bringt und am Ende versehentlich via Twitter einen Atomkrieg auslöst. Das Unverständnis der nicht eingeweihten Menschen drum herum wird (ähnlich wie bei BORAT) aufgezeichnet und zu einer urkomischen Comedy-Doku zusammengeschnitten (falls die Erde dann noch steht).

Die Alien-Theorie: Was viele bereits vermuten, ist wirklich wahr – Trump ist ein Außerirdischer! Allerdings gesandt von einer sehr viel intelligenteren Rasse als der unseren, die unser Treiben bereits seit ewigen Zeiten mit zunehmender Verzweiflung beobachtet. Um uns wieder auf den Weg der Menschlichkeit und Vernunft zurück zu bringen, setzen sie einen ihrer Leute in das höchste politische Amt, der sich benehmen soll wie ein beleidigtes, geistig unterentwickeltes Kleinkind – um uns so den Spiegel vorzuhalten und uns zur intellektuellen Umkehr zu bewegen, damit die Welt nicht doch noch durch unsere eigene Dummheit zerstört wird.

Jetzt müssen Sie entscheiden, welche dieser drei Theorien für Sie am plausibelsten erscheint. Zugegeben, im ersten Moment klingen sie alle vielleicht etwas verrückt – aber definitiv nicht so bekloppt wie die absurde Vorstellung, dass das wirklich alles real ist, was wir gerade erleben!

Wüsten-Dschungel

Auf der Suche nach einem eigenen Dschungelcamp hat Pro7 ganz tief in der Restmülltonne für Pseudo-Promi-Beschäftigungen den Boden ausgekratzt und ein angetrocknetes, bislang übersehenes Format gefunden: GLOBAL GLADIATORS! Acht bekanntheitsarme Gelegenheits-Berühmtheiten im vertraut strapaziösen Banalitäten-Battle, diesmal zur Abwechslung allerdings in Afrika. Als bestbezahlter Top-Promi EVER mit dabei: der singende Profi-Sitzengelassenwerder Pietro Lombardi. Voll fame. Freuen wir uns drauf – kommen wir endlich mal wieder früher ins Bett!

Date-Fake

RTL lässt mal wieder daten: eine durchschnittlich verzweifelte Single-Dame trifft drei vermeintlich zukünftige GV-Partner. Allerdings ist nur einer von ihnen echt – die anderen sind schwul, vergeben, von RTL oder alles drei, wenn nicht noch mehr. Findet das Weibchen das richtige Männchen, dürfen sie zum möglichen Anpoppen zusammen in den Urlaub. FALSCHER HASE heißt der faulige Falsch-Flirt – allerdings gab es den schon mal unter dem Namen DATE ODER FAKE viele Jahre bei VIVA. Also weder frisch noch funny.

Koch-Comeback

Erinnern Sie sich noch an KERNERS KÖCHE? Macht nix, das Gehirn löscht so was ganz schnell zur Schonung der Festplatte. War und ist aber Kult – behauptet jedenfalls frech der ZDF Showchef Heidemann. Und deshalb wird die Kernerbüchse noch mal aufgeschraubt und Samstagmittags mit jeweils vier aufgetauten Köchen nach neun Jahren wieder warm gemacht. Denn ZDF-Zuschauer wissen: Cooking-Shows schauen ist immer noch besser als selber kochen. Und zum Essen wird man eh vom Pfleger in den Speiseraum gebracht!

Oliver Kalkofe