Liebe Freunde in München

Berlin, den 20.12.2016

Eigentlich hatte ich vor, mit vielen von Euch heute Abend in München einen lustigen Vorweihnachts-Mattscheiben-Abend im Mathäser-Kino zu feiern und eine Menge Spaß zu haben.
Doch seien wir ehrlich: nach den furchtbaren Ereignissen von gestern Abend ist kaum einem von uns wirklich zum Lachen zumute, oder? Nur wenige Stunden nach dem entsetzlichen Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt liegt ein trauriger Schatten über dem ganzen Land, über uns allen. Deshalb haben TELE 5 und ich uns entschieden,
die heutige Veranstaltung kurzfristig abzusagen, um uns stattdessen allen einen Moment der Ruhe, des Trauerns, Mitfühlens und Nachdenkens zu ermöglichen. Wir werden versuchen, die Show im Frühjahr nachzuholen, die Karten behalten vorerst ihre Gültigkeit – Wir werden Euch rechtzeitig über alles informieren, bitte gebt uns nur erst einen Moment Zeit, alles zu regeln.

Wir alle sind schwer getroffen und entsetzt über die gestrigen Ereignisse, unsere Gedanken uns unser Mitgefühl sind bei den Opfern und deren Familien. Und dies ist keine leere Phrase. Nur leider gibt es keine Worte, die unsere Gefühle im Moment besser in Worte fassen könnten. Dennoch möchte ich noch ein paar persönliche Gedanken hinzufügen, die ich zum Teil auch schon letzte Nacht geschrieben habe. Gestern Abend stand ich zum Zeitpunkt der schrecklichen Ereignisse im Theater am Kudamm auf der Bühne, nur knapp 500 Meter entfernt. In der Pause erreichten mich und den Großteil des Publikums die Nachricht über das Geschehene, allerdings nur erste, zum größten Teil noch unbestätigte Meldungen. Was tun in einem solchen Moment? Eine Situation, in der man sich sehr hilflos fühlt als kleiner lustiger Mann, der eigentlich die Menschen im Saal nur ein wenig zum Lachen und Entspannen bringen wollte. Eine Situation, in der man nichts wirklich richtig oder falsch machen kann.
Ich entschied mich gestern, auf der Bühne über die Ereignisse zu sprechen, aber zu bleiben und die Show weiter zu machen für alle, die auch bleiben wollten. Denn wir leben in einer derzeit äußerst grausamen und wahnsinnigen Welt, in der immer mehr fehlgeleitete Menschen – egal ob durch wahnhaften Glauben, politische Ansichten, persönlichen Frust oder was auch immer – meinen eine Aussage machen zu müssen, indem sie unschuldigen Menschen Leid zufügen. Ich werde das nie verstehen. Und doch wird es immer wieder geschehen.
Egal ob es sich in Berlin beim Täter um einen Terroristen, Asylanten, politischen Aktivisten, Glaubenstäter oder einfach einen depressiven Menschenhasser gehandelt hat – es war ein Idiot.
Ein Verbrecher und widerwärtiger Mensch, der mit seiner Tat nichts als Trauer, Leiden und noch größeren Hass verursacht hat – was auch immer er damit in seinem kranken Kopf vielleicht erreichen oder aussagen wollte.
Lassen wir uns von solchen Menschen dennoch nicht unsere eigene Menschlichkeit nehmen. Auch nicht unser Lachen, unsere Freude, unsere Art frei zu leben. Lassen wir uns nicht unterkriegen und von ihrem geisteskranken Hass anstecken, indem wir uns dazu hinreißen lassen, auch nur wieder Aggression und Hass weiter zu tragen.
Nehmen wir uns die Zeit zu trauern, wütend zu sein und verzweifelt. Schalten wir unser Herz und unseren Verstand ein. Aber lassen wir uns auch nicht von blinden Hetzern instrumentalisieren, die aus einer Katastrophe wie dieser versuchen, Kapital zu schlagen und die Menschen nur noch mehr gegeneinander aufzuhetzen.

Wenn ich kurz nach dem Anschlag von Marcus Pretzell von der AfD sofort über Twitter lese:
‚Es sind Merkels Tote! #Nizza #Berlin’ – dann wird mir nur noch übel und ich schäme mich für die widerwärtig hässliche Fratze solch herzlos hetzender Pseudo-Politiker. Bitte lasst uns nicht eine solch schreckliche Tat noch schrecklicher machen, indem wir uns auch noch gegenseitig dafür beschuldigen, anstatt gemeinsam gegen die Wurzel des Übels anzugehen. Und diese liegt nicht in Nationen oder Religionen, sondern viel tiefer im generellen Umgang der Menschen untereinander. Heute in München aufzutreten wäre falsch gewesen.
Aber wir lassen uns unser Lachen dennoch nicht verbieten und werden uns hoffentlich sehr bald wiedersehen, um diesen Abend noch viel fröhlicher nachzuholen. Jetzt aber nehmen wir uns alle den Moment der Stille und der Ruhe, um die Ereignisse erst einmal zu verarbeiten. So schwer es in Momenten wie diesen vielleicht auch erscheinen mag, denken wir daran: Wir alle haben es selbst in der Hand, wie diese Erde aussieht und wie wir miteinander umgehen.

Einerseits sehr schwierig, andererseits aber auch sehr einfach. Lasst uns nicht vom Hass und der Wut regieren, sondern endlich wieder den Kopf und das Herz einschalten.

Der Wahnsinn darf niemals siegen.

Bitte lasst uns alle gemeinsam versuchen, dass dies niemals geschieht.

Danke.

Wir wünschen allen von ganzem Herzen ein friedliches Weihnachtsfest und ein hoffentlich besseres und vernünftigeres 2017.

Kommentar zur Satirefreiheit

Ein paar einschätzende Worte zum dem vielleicht absurdesten Fall Real- Satire der deutschen Geschichte: #Böhmermann – Erdogan – Ziegenficker – Fragezeichen. Schon jetzt in den Geschichtsbüchern als die erste Satire, die zur Staatsaffäre wurde, weil viele wichtige Leute zur falschen Zeit den Witz nicht verstanden haben.

Noch einmal vorneweg – auch wenn es immer wieder im Mittelpunkt steht – das Schmähgedicht an sich spielt gar keine Rolle. Auch auf die Fragen: war dieses Gedicht noch Satire oder schon Beleidigung? Ist es lustig oder nicht, war das genial oder unter aller Sau? Darf man den türkischen Präsidenten einen Huftier-Besamer nennen oder nicht? … muss die Antwort in diesem Zusammenhang immer heißen: DAS IST ABSOLUT SCHEISSEGAL! Jeder darf das empfinden wie er möchte. Doch die beabsichtigte Satire war niemals und zu keinem Zeitpunkt das vollkommen irrelevante Gedicht an sich – Sondern lediglich die Präsentation desselbigen. Das Gedicht selbst ist plump, krass und beleidigend – allerdings so bewusst überzogen auf Kindergarten-Pöbel-Niveau, das man schon davon ausgehen durfte, ein intelligenter souveräner erwachsener Mensch versteht die Cartoonhaftigkeit der dummdreisten Beleidigung. Niemals hätte ein Böhmermann oder sonst ein zurechnungsfähiger Komiker sich vor die Kamera gestellt und ernsthaft dieses Gedicht vorgelesen.

Der satirische Sinn der ganzen Aktion – unabhängig von der Frage ob gelungen oder nicht – war nur der eine: Ein provokanter Kommentar zur wutschnaubenden Empörung des Rumpelstilzchens vom Bosporus, die bereits ein vergleichsweise moderater Erdogan-Song der Kollegen von Extra 3 verursacht hatte – inklusive des darauffolgenden mehrmaligen Einbestellens des deutschen Botschafters und der unverschämten Forderung des stinkbeleidigten Türken-Chefs, die deutsche Politik solle regulierend einschreiten! Hier legte Böhmermann nun bewusst noch einen drauf und erklärte in der Sendung den Unterschied zwischen freier Meinungsäußerung und Satire und böswilliger Schmähkritik, die einfach nur auf Beleidigung aus sei – so wie das daraufhin zitierte Erdogan-Gedicht… von dem er sich danach selbst distanzierte.

Okay, klar – das war natürlich als Provokation gemeint. Keine Frage, wir sind ja nicht doof. Aber genau diese Provokation war eben die Satire, nicht das Gedicht! Und genau solch eine Provokation ist auch die Aufgabe der Satire.

Es ging hier um die Aussage, einem tobenden Despoten, der in seinem eigenen Land das Recht auf freie Meinung mit Füßen tritt, den verbalen Mittelfinger in rechtmäßiger Empörung entgegen zu strecken und zu sagen: „Hör genau zu, Wutwichtel, wir leben glücklicherweise in einem Land, in dem Humor noch nicht verboten ist und in dem man frei sprechen darf. Und wenn man es geschickt macht, kann man dich sogar noch viel mehr ärgern, ohne dich wirklich offensiv zu beleidigen. Denn das ist nämlich der Witz an der Satire und der Redefreiheit! Und ihre Macht. Ha!“ Blöd nur, dass dieses Spiel mit der Meta-Ebene für sehr viele Menschen ein wenig zu hoch angesetzt war…

Die unbedacht vorschnelle Reaktion des ZDF und allen voran der Kanzlerin, die zum Schutze des fragilen Türkei-Abkommens in vorauseilendem Gehorsam der möglichen Empörung des zürnenden Muselmanen zuvorkommen wollte, lieferte erst die Grundlage zu allem was noch folgen sollte. Die bis heute existierende vorschnelle Löschung der Sendung in der ZDF-Mediathek verhindert zudem weiterhin, das Gedicht in seinem intendierten und präsentierten Zusammenhang überhaupt vollständig zu sehen – und nimmt uns allen somit die Möglichkeit, sich eine eigene Meinung bilden zu dürfen. Leider feige. Und beschämend falsch für einen öffentlich-rechtlichen Sender.

Wichtig bei der Gesamt-Einschätzung: noch nie zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik hat ein Staatsoberhaupt ungefragt und unaufgefordert eine Humorkritik zu einem Stück Fernseh-Satire abgeliefert. Wozu auch? Erst diese offizielle Einschätzung des Gedichts von der Kanzlerin als solche, nicht als Privatperson, und unter Auslassung des Zusammenhangs – führte dazu, dass diese Satire zu einer Staatsaffäre wurde.

Was daraus folgte war ein Wirbelwind des Wahnsinns und der Absurditäten, den man aufrecht, souverän und mit ruhiger Hand wieder hätte beenden können. Nämlich mit der Ansage: „Ja, wir haben eine Gewaltenteilung – diese Frage entscheidet nicht die Politik, sondern die Justiz. Und das wird sie im Fall der persönlichen Beleidigungsklage des Präsidenten Erdogan auch tun. Die überzogene und unserer Auffassung von Meinungs- und Redefreiheit nicht entsprechende Anklage wegen so genannter ‚Majestäts-Beleidigung’ wird allerdings nicht entsprochen. Als deutliches Zeichen unserer Souveränität für die Satire- und Pressefreiheit.“ Dies ist leider nicht geschehen.

Kanzlerin Merkel hat die Ermittlungen und somit eine mögliche Anklage wegen der ungleich schwerer zu bewertenden ‚Majestätsbeleidigung’ zugelassen – Bei gleichzeitiger Ankündigung genau dieses Gesetz wegen Unsinnigkeit so schnell wie möglich kippen zu wollen. Was uns Bürgern und anderen Staaten nun traurigerweise sagt: auch bei uns ist das Recht auf Satire und freie Meinungsäußerung zwar theoretisch gegeben – Endet aber leider dort, wo der Adressat eines Scherzes den Witz nicht verstanden hat. Auch wenn die Zulassung der Klage rein rechtlich möglich und absolut erklärbar ist – Dem Rechtsstaat wäre auch ohne diese Zustimmung durch die private Klage Erdogans genüge getan worden. Die Gerichte hätten entschieden – fernab der Politik. So wie es sein soll. Die Zulassung der Klage als absurde ‚Majestätsbeleidigung’ war deshalb weder zwingend noch nötig. Sie war rechtlich korrekt und politisch möglich – als Zeichen an unser Land und die Welt war sie fatal. Dies war kein Zeichen der Stärke, kein Zeichen von Mut oder Entschlossenheit. Und auch wenn es nicht so gemeint war und diese Behauptung vielleicht falsch oder übertrieben ist: Diese Entscheidung wird vermutlich als mutloses Einknicken und Verrat an den Werten unseres Landes und unserer Freiheit stehen bleiben, das selbst vom Vorsitzenden der Türkischen Gemeinde in Deutschland kritisiert wird. Denn auch die hätte sich auch für ihr Land und ihre Bürger ein klares Bekenntnis zur Meinungsfreiheit gewünscht. Diese Entscheidung aber hilft wirklich niemand,und sie wird fatalerweise gerade von den falschen und radikalen Kräften für ihre Zwecke genutzt werden, denn alle, die bereits bislang Merkel – unberechtigterweise – als Verräterin am eigenen Volk bezeichnet haben, bekommen nun einen Beweis für ihre Behauptung und die Gelegenheit, auf einen bequemen, wenn auch falschen Zug der Argumentation aufzuspringen, wodurch ich befürchte, dass der Bumerang, der von der Kanzlerin hier lasch und kraftlos geworfen wurde, noch mit heftiger Wucht in ihrem eigenen Nacken landen wird.

Ein trauriger Tag für unser Land und unsere Meinungsfreiheit. Aus einem kleinen, zugebenermaßen diskussionswürdigen Scherz, wurde eine absurde Staatsaffäre. Aus einem Furz wurde ein Tsunami. Durch eine bizarre Abfolge unsinniger Fehlentscheidungen wurde aus dem Versuch, die Satirefreiheit mit ihren eigenen Mitteln zu demonstrieren, eine politische Demonstration dazu, wie man mit ihr eben nicht umgehen darf. Diese Entscheidung war vielleicht nicht der Tod der Satirefreiheit, aber zumindest ein gewaltiger Tritt in ihre Eier. Die eben unsere Regierung gerade damit nicht bewiesen hat. Wäre es nicht so traurig, könnte man darüber eigentlich nur lachen.

#SchleFaZ - Sharknado: Die komplette Trilogie [4 DVDs]
10 Bewertungen
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  • Turbine Classics (Rough Trade Distribution) (15.07.2016)
  • DVD, Freigegeben ab 16 Jahren
  • Laufzeit: 310 min

Unfassbar, traurig und so unendlich dumm

„Unterschätze nie die Macht dummer Leute, die einer Meinung sind.“ Kurt Tucholsky

Sollte Jan Böhmermann endlich mal ins Gefängnis? Weil er so abscheulich böse Sachen über den respektablen türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan gesagt hat? Weil er statt feinsinniger Satire mit subtilem Sprachwitz einen verbalen Bierschiss voller Fäkalhumor serviert hat? Weil er es einfach mal verdient hat, der eitle Blödmann? Und zweite Frage: War das Gedicht von Böhmermann Satire oder nicht?

Darf man den sympathischen türkischen Obermufti als Ziegenf*ck*r bezeichnen – ohne gesicherte Beweise einer möglichen sexuellen Liaison? (Um eine weitere Klage oder Facebook-Sperrung zu vermeiden, wurden zwei Buchstaben eines schlimmen Worts der letzten Zeile durch einen * ersetzt. Bitte setzen Sie dort zwei Vokale ihrer Wahl ein, z. B. das i und das e oder auch ganz was anderes…) Ist eine solche Aneinanderreihung fieser rassistischer Gemeinheiten Kunst oder einfach ein verbaler Bierschiss? Okay… kurz mal dazwischengerufen: HALLO! DAS IST ALLES ABSOLUT SCHEISSEGAL! Denn diese ganze vollkommen absurde Staatsaffäre um die kleine poetische Verbal-Entgleisung das dünnen blassen Jungen weitet sich gerade zu einer der bizarrsten, erschreckendsten und für unsere Meinungs- und Redefreiheit auch gefährlichsten Diskussionen seit langem aus.

Der Zusammenhang ist in fast sämtlichen Diskussionen komplett verloren gegangen

Eins vorab: Es ist vollkommen egal, was der einzelne von Böhmermanns Gedicht hält. Es ist ebenso egal, ob es Satire ist oder nicht. Denn ja: es ist bewusst verletzend, böse und qualitativ kein Stabhochsprung. Sollte es aber auch niemals sein. Denn die satirische Plattform der ganzen Geschichte war niemals das unsinnigerweise immer wieder rezitierte und vollkommen unwichtige Gedicht, sondern die Aktion darum herum. Der Zusammenhang, der in fast sämtlichen Diskussionen darüber komplett verloren gegangen ist. Und der ging so: Um die schnaubende Empörung des wütenden Giftzwergs zu kommentieren, die bereits der sehr gelungene Erdogan-Song der Kollegen von Extra 3 ausgelöst hatte – inklusive der daraus folgenden unverschämten Forderung des stinkbeleidigten Türken-Chefs, die deutsche Politik solle regulierend einschreiten – legte Böhmermann noch einen drauf und erklärte in der Sendung, dass freie Meinungsäußerung und Satire bei uns nun einmal sehr wohl erlaubt sein. Ganz im Gegenteil zu einer böswilligen Schmähkritik, die einfach nur auf Beleidigung aus sei – so wie das daraufhin zitierte Erdogan-Gedicht… von dem sich Böhmermann danach selbst distanzierte. Okay, klar – das war natürlich als Provokation gemeint. Keine Frage. Aber nur als Provokation, die einem tobenden Despoten den verbalen Mittelfinger in rechtmäßiger Empörung entgegenstreckt und sagt: ‚Hör genau zu, Rumpelstilzchen, da kannst du noch so sehr mit Schaum vor dem Mund herum wüten, weil du deine vermeintliche kleingeistig-engstirnige Ehre angekratzt wähnst und dich beleidigt fühlst – wir leben glücklicherweise in einem Land, in dem Humor noch nicht verboten ist und in dem man frei sprechen darf. Und wenn man es geschickt macht, kann man dich sogar noch viel mehr ärgern, ohne dich wirklich offensiv zu beleidigen. Denn das ist der Kern der Satire und der Redefreiheit! Ha!‘ Blöd nur, dass dies Spiel mit der Meta-Ebene ein wenig zu hoch angesetzt war für die meisten… die sich nur auf das (leichter emotional verwertbare) Schmähgedicht warfen. Denn dass ein so billig provokantes Werk mit billigem Fäkalhumor eine zweite Ebene besitzen könnte, das konnte und wollte sich einfach keiner vorstellen.

Jede Freiheit endet immer dort, wo wir den Witz nicht verstanden haben

Die Reaktion des ZDF und von Angela Merkel, die in Unkenntnis bzw. Unverständnis der kompletten Geschichte in vorauseilendem Gehorsam der möglichen Empörung des zürnenden Muselmanen zuvorkommen wollten, waren dabei der tödliche Stich ins Herz genau der Satire und Redefreiheit, die sie eigentlich alle vorgaben zu verteidigen. Denn hier wurde verfrüht und unüberlegt gesagt: „Ja, lieber Herr E., persönlicher Retter in der Flüchtlingskrise, Sie haben natürlich ganz Recht: Satire und Meinungsfreiheit müssen ihre Grenzen haben, auf die müssen die Politik und die Medien ihren Einfluss nehmen. Jede Freiheit endet immer dort, wo wir den Witz nicht verstanden haben. Somit sind wir ja gar nicht mehr so weit voneinander entfernt, oder? Dürfen es vielleicht ein paar Flüchtlinge mehr sein? Und wenn es nicht mit dem Eintritt der Türkei in die EU klappt – dürfen wir vielleicht zu Ihnen?

Um noch einmal klar zu stellen: Man muss die Aktion von Böhmermann nicht mögen. Man darf sie sogar beschissen oder komplett misslungen finden. Man darf sie aber auch begrüßen und als cleveren Satire-Coup feiern. Völlig wurscht. Man darf Böhmermann mögen, nicht mögen, lieben, hassen, er darf einem sogar egal sein. Man darf das Gedicht lustig, furchtbar, ganz witzig, ekelhaft oder was auch immer finden. Ehrlich gesagt: man soll das Gedicht sogar ekelhaft und beleidigend finden – das war ja immer genau so geplant! Aber: man darf Böhmermann deshalb nicht zur Staatsaffäre machen. Man darf ihn nicht anklagen oder als Politiker die Möglichkeit eröffnen, dass es überhaupt zu einem Prozess gegen ihn kommt – denn dies wäre kein Prozess um eine mögliche Beleidigung/ Schmähkritik oder eine Person, sondern vor Gericht stände das Recht auf Satire und Meinungsfreiheit an sich – die nämlich dann jederzeit verboten werden könnte, wenn der Adressat eines Scherzes den Witz nicht versteht. Das ZDF und auch die Regierung darf natürlich sagen, dass sie den Inhalt des Gedichts verabscheuen und sich davon distanzieren – das Recht hat jeder – aber sie müssen dennoch sagen, dass der Zusammenhang zählt und es hier um unser grundsätzliches Recht auf Redefreiheit und Satire geht. Man kann sich auch für ein mögliches Missverständnis entschuldigen – aber nicht für die Sachlage an sich!
Wie so oft ist es einfach unfassbar, traurig und so unendlich dumm und nicht durchdacht, was hier gerade geschieht… Eigentlich ist es in seiner Absurdität fast schon wieder lustig… aber darf man darüber lachen, wenn das Recht auf Satire getötet wird?

Der Steiger Award

Am 26. September wurden in Dortmund zum 11. Mal die STEIGER AWARDs vergeben.

Mit einem Sonderpreis für sein medienkritisches Verhalten wurde Oliver Kalkofe geehrt.

Mit der preisgekrönten TV-Satire KALKOFES MATTSCHEIBE (Grimme Preis 1996, Deutscher Comedypreis 1999) wurde er zu einem der beliebtesten Comedians und Deutschlands schärfstem Medienkritiker. Das Kino eroberte er als Co-Autor, Co-Produzent und Hauptdarsteller mit den Edgar Wallace-Parodien DER WIXXER (2004) und NEUES VOM WIXXER (2007). Darüber hinaus ist Oliver Kalkofe ein erfolgreicher Synchronsprecher (u. a. GARFIELD 2, MONSTERS VS. ALIENS, LÖWENZÄHNCHEN). Für die deutsche Fassung der TV-Serie „Little Britain“ arbeitete er zudem als Autor am Synchronbuch mit.

Die Laudatio auf Oliver Kalkofe hielt Thomas Koschwitz.

Oliver Kalkofe