596. Traumberuf Influencer (TVS 02/18)

Damals, in den beschaulich süßen Tagen der naiv-medialen Unschuld, kannte man Influenza nur als eine durch Viren ausgelöste Infektionskrankheit. War zwar nicht schön, wurde man irgendwann nach etwas Schwitzen aber meist wieder los. Ganz anders verhält es sich mit dem heute ganz ähnlich klingenden Traumberuf für junge Leute ohne eigene Talente, die gerne anderen professionell auf die Eier gehen. INFLUENCER – was übersetzt so viel heißt wie ‚Beeinflusser’ – sind die neuen ansteckenden Ekel-Erreger und Belaberungs-Bazillen der Generation Internet. Gemeint sind im Grunde Menschen, die andere ‚beeinflussen’ – im Marketing-Sinne selbstverständlich nur philantropisch positiv gemeint, also zum Beispiel indem sie besonders kundenfreundliche Produkte lobpreisen, die den Menschen dann nach dem Erwerb große persönliche Freude bereiten.

Nein, wir sprechen hier nicht von Werbung, die müsste ja meist als solche gekennzeichnet und bezahlt werden. Wenn aber eine Dicki Bee, Bibi Pups, Shiri Schnabel oder Mumu Tsu mit überdreht aufgerissenen Kulleraugen glanzgeschminkt die feiste Grinsefresse overhappy hyperventilierend zusammen mit einer Packung Knoblauch-Vanille-Fußcreme in die Kamera hält, dieses wichtige bildliche Zeitdokument dann auf Instagram postet oder gar als ganz ehrlich anpreisendes Video auf dem eigenen YouTube-Heizdecken-Channel, dann hat sie nur ganz real von Herz zu Herz ihren engsten Freunden und -innen gezeigt, was sie gerade so privat als Konsument begeistert. Was von den Follower-Lemmingen dann als ganz honest und total süß empfunden wird und wegen der krassen Ehrlichkeit natürlich zum Nachahmen und Nachkaufen animiert. Und was dann wiederum von der werbetreibenden Industrie wegen der frisch-sympathischen Marketing-Wirkung gern auch mit ein paar gar nicht mal so kleinen monetären Danksagungen honoriert wird.

Sozialnetzwerk-Beeinflusser sind allerdings nicht zu verwechseln mit der klassischen Old-School-Werbevisage, die aufgrund extern erworbener Prominenz für ein Produkt im Print oder TV-Spot hölzern einen meist dämlich verlogenen Text daher labert, auch nicht mit plumpen Polit-Propagandisten wie z.B. der historischen Influencer-Legende Joseph Goebbels. Die heutigen Agitations-Aktivisten bestechen vielmehr durch ihre offensichtlich vorgespielte Naivität, substantielle Leere und liebenswert erscheinende Dümmlichkeit. Erkennbare Intelligenz oder inhaltliche Tiefe würden eher abschrecken und die Glaubhaftigkeit stören.

Irgendwie erschreckend allerdings, dass eben jene hyperhohlen Influence-Göbelmassengefäße von Wirtschaft und Medien immer mehr umgarnt, umschmeichelt und umworben werden. Leiden kann sie keiner, ernstnehmen auch nicht – aber sie bringen halt verdammt noch mal geile Kontakte, Baby! Ein Doofen-Selfie von Sophia Thomalla im String-Tanga mit Ochsenurin-Energy-Drink an den Knutschelippen über irgendein bedeutungsfreies Potenzmedium geflasht kannst Du in Print-Werbung gar nicht mehr bezahlen, Brother! Pickel am Arsch können eben auch hilfreich sein, wenn sie im Dunkeln leuchten.

Alte Stimmen

Große Stimmen erkennen ohne hinzugucken – das klappt bei THE VOICE OF GERMANY seit Jahren bei Erwachsenen wie auch bei Kindern super. Deshalb sollen jetzt auch die Gesangswunder im Rentenalter eine Chance bekommen, weil die als einzige Altersgruppe noch übrig sind, um daraus einen eigenen TV-Ableger zu formen. THE VOICE SENIOR will sich jedenfalls auf erfahrene Stimmen ab 65 konzentrieren. Dann sind mit Jung, Mittel und Alt erst mal im Bereich der Human-Trällerei alle Möglichkeiten durch und es bleiben nur noch Hundegebell, Vogelgesänge und Meerschweinchenfürze.

Falsches Lachen

Nachdem ProSieben schon viele Jahre keine eigenen Comedy-Formate mehr produziert hat, plant man dort jetzt den ganz großen Coup: die (schon vom Namen her vor innovativer Frische strahlende) COMEDY SHOW! Dort sollen sich dann fünf junge Comedians gegenseitig je eine lustige Geschichte erzählen, von denen allerdings eine gar nicht wahr ist, sondern erstunken und erlogen. Und genau die soll das Publikum dann herausfinden. Wenn es bis dahin nicht schon längst vor Lachen eingeschlafen ist. Ha Ha Schnarch!

Späte Reise

Auch wenn das Traumschiff im Trockendock liegt, schickt das ZDF immer wieder gern eine Gruppe alter Humpel auf die Reise. Diesmal allerdings ohne festes Script und ohne Kerzen-Dinner beim Kapitän, dafür aber in Begleitung von Steven Gätjen. Der schnappt sich nämlich ein Rudel Rentner mit jeweils circa 80 Jahren auf dem Buckel, die allerdings noch nicht viel von der Welt gesehen haben, und zeigt denen selbige. Daher auch der pfiffige Titel MIT 80 JAHREN UM DIE WELT. Klingt gut – der typische ZDF-Zuschauer wird allerdings sagen: Was soll ich mir die Reisen von so jungen Halbwüchsigen anschauen? Geht doch voll an der Zielgruppe vorbei!

2018-01-13T02:48:56+00:00

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