579. Leitfaden zur Leitkultur (TV 11/17)


Immer wenn irgendwo bei uns mal wieder irgendeine Wahl bevorsteht, kommt irgendwann irgendwer von irgendeiner Partei mit einer wenig sinnvollen Diskussion um die so genannte ‚Deutsche Leitkultur’ angedackelt. So wie kürzlich Bundes-Inside-Minister Thomas de Maizière, der erneut dazu aufrief über einen Katalog der verbindlichen Deutschigkeiten für Jedermann nachzudenken, an dem sich vor allem die Ausländer orientieren sollten. Auch wenn der Grundgedanke dazu vielleicht nicht mal ein falscher ist, so gestaltet es sich doch in der Praxis schwierig, eine wirklich allgemein gültige Gebrauchsanweisung zum Deutsch-Sein zu entwickeln, denn a) möchte man diese nicht von der Regierung mit erhobenem Zeigefinger in der ebenso hoch getragenen Nase vorgesetzt bekommen und b) entspricht sie meist einer eher völlig irrealen Idealvorstellung unserer nationalen Werte denn der gelebten Wirklichkeit. Bemüht um konstruktiven Umgang mit diesem dialektischen Dilemma sollten wir uns deshalb an einer realistischen Ergänzung einiger der TdM’schen Thesen versuchen.

Viel zitiert, inhaltlich provokativ und grammatikalisch waghalsig: ‚Wir sind nicht Burka!’ Eher Spreewald-Gurka. Wir sind nicht Augenschlitz-Kleidersack, wir sind Hemd und Hose, gelegentlich offen, zu weite T-Shirts und zu enge Leggins, weiße Socken und Sandalen. Wir alle zeigen jedem unaufgefordert unser Gesicht, selbst wenn bei vielen eine Verhüllung ästhetisch gesehen von Vorteil wäre. Wir achten unsere Frauen theoretisch fast gleich wie die Männer, auch wenn wir ihnen weniger bezahlen, und schlagen sie kaum, jedenfalls nur selten nüchtern. Wir geben anderen Menschen munter schüttelnd die Hand und machen kein albern-tuckiges Bussi-Bussi links und rechts. Allgemeinbildung ist wichtig und wertvoll, deshalb sind Google und Wikipedia bei uns kostenlos. Unser Land ist geprägt von Kultur und Philosophie. Wir sind Goethe & Schiller, Kant & Klum, Barth & Hegel, Adorno & Asmussen. Wir sind Bach & Beethoven, Brahms & Bohlen, Weill & Wendler, Helene & Fischer. Wir sind das Land von Faust, Das Nibelungenlied und Emilia Galotti, aber wir müssen das intellektuelle Gekrickel zum Glück nicht lesen, sondern dürfen Das Inzestfest der Volksmusik, Traumschiff und Schwiegertochter gesucht schauen. Wir sind pure Lebensfreude, wenn es zeitlich passt, zB beim Gewinnen der Fußball-Weltmeisterschaft, beim Oktoberfest-Kotzen oder volltrunkenen Allesficken im Karneval. Wir stehen zu unserer Geschichte mit all ihren vielen Höhen wie auch dem gelegentlich kurzzeitigen Absinken der internationalen Sympathiewerte (früher mal) und sagen manchmal ganz leise bei Vollgas auf der Autobahn, dass damals auch nicht alles nur schlecht war. Wir stehen nicht für religiösen Fundamentalismus oder gewalttätigen Extremismus, um Andersgläubige von unserem Glauben zu überzeugen. Jedenfalls nicht mehr, früher schon, sogar sehr, aber da wollen wir jetzt bitte wirklich nicht schon wieder von anfangen. Unsere heutige Kirche steht für frische Verstaubtheit, modernen Konservativismus und verschwiegenen Missbrauch. Wir sind theoretisch weltoffen, jung, schön, schlank und charmant, wir duschen uns regelmäßig und riechen gut. Im Fahrstuhl furzen wir aus Respekt vor den Mitreisenden nur ganz leise kurz bevor wir aussteigen. Wir sind Wir und besser als Ihr. Das wissen wir, sagen es aber nicht öffentlich. Denn bescheiden sind wir auch noch.

Vertonungs-Terror

SAT 1 bewies kürzlich bei der Gottschalk-Comeback-Flop-Show #742 mit dem Titel LITTLE BIG STARS, wie man ein vielleicht sogar recht nettes Format mit fröhlichen talentierten Kindern durch aggressive Unfähigkeit und schmierige Privat-TV-Arroganz komplett zerstören kann. Nach jedem einzelnen Satz eingespielte Fake-Lacher eines vor hysterischer Heiterkeit fast sterbenden Publikums plus künstliches Sitcom-Dosengekicher, sinnfrei hyperaktiv zusammengeschnitten, um dem dummen Publikum mit dem Spaß-Holzhammer die gefühllosen Instant-Emotionen in die Rübe zu donnern. Feist-freches Verarschungs-Fernsehen aus der unangenehmsten Ecke der Unterhaltungshölle, wie es wirklich keiner mag. Mein Beileid an alle betrogenen Beteiligten!

Nachwuchs-Sendung

Es gibt ja kaum was Schöneres, als mäßig bekannten Prominenz-Behauptern bei ihrem mäßig unterhaltsam inszenierten Leben zuzuschauen. Und da die Protz-Geißens, Katzenbumsers und Lombardi-Loser langsam noch langweiliger werden als sie es eh schon immer waren oder sich aus Arbeitsverweigerung einfach trennen, muss dringend Nulpen-Nachschub her! RTL2 wurde fündig und präsentiert demnächst die komplette Schwangerschaft plus Kreißsaal-Pressing mit Ex-Sat1-MorningMan Peer Kusmagk und Surf-Blondie Janni Hönscheid, die sich erst kürzlich klamottenlos und pro-aktiv medienwirksam bei ADAM SUCHT EVA auf der RTL-Pimperinsel lieben lernten. Pure Romantik!

Schropp-Schätzung

Das wundert einen schon, dass da nicht schon mal jemand früher drauf gekommen ist: einfach ein paar alte DDR-TV-Shows wieder aufleben lassen! Muss ja nicht gleich der SCHWARZE KANAL oder EIN KESSEL BUNTES sein – aber so eine harmlose kleine Quizshow wie SCHÄTZEN SIE MAL, in der Kandidaten beispielsweise schätzen müssen, wie viele Eier ein Huhn im Jahr legt oder wie viel Tassen die denkfaulen ARD-Redakteure noch im Schrank haben, das kann man ja ruhig mal machen. Dazu noch den alten Alle-Formate-auf-allen-Sender-Weg-Moderierer Jochen Schropp dazu holen – fertig ist die TV-Tütensuppe! Flutscht fehlerfrei durchs Programm wie ein Zäpfchen!


2017-05-20T00:41:45+00:00
Hier schreibt der Chef.

Oliver Kalkofe