577. Der Tag, an dem das Fernsehen starb (TV 09/17)


Es gibt Momente in der Geschichte, die alle Menschen in der kol-lektiven wie individuellen Erinnerung vereinen. Meist handelt es sich dabei um Katastrophen, Attentate oder sonstige globale Schock-Meldungen. Der Mord an John F. Kennedy, die Terror-Anschläge des 11. September, die Wahl von Donald Trump – fast jeder weiß ganz genau was er wo tat, als er die Nachricht darüber empfing. Und so wird sich auch jeder noch in Jahr-zehnten mit Schrecken daran erinnern, was er gerade in der Nacht vom 28. zum 29.3.2017 machte, als um 0 Uhr plötzlich ganz unerwartet der Fern-sehschirm in Dunkelheit getaucht wurde. Einige freuten sich auf den Be-ginn einer weiteren heiter-interessanten Panzer-Parade in den mitternächtli-chen World War II – Dokus von ZDF History oder einem der vielen Nach-richtensender mit N im Namen, andere auf die Wiederholung des eben ge-sehenen Hauptabendprogramms, wieder andere öffneten just entspannt die Hose, um auf SPORT 1 den ersten Sexy Clips flankiert von animierender Werbung für lüsternen Festnetz-Telefonsex mit unansehnlichen Domina-Rentnerinnen jenseits der 65 entgegen zu fiebern. Doch dann der Schock – alles schwarz! Kein Bild, kein Ton. Kein ‚Ruf mich an‘, kein Hitler, kein gar nichts.

Gut, ein paar ganz wenige supergenaue Schlaumeier hatten es durch einen der unzähligen Berichte während der letzten Monate vielleicht mitbe-kommen und streberhaft vorgesorgt. Den überwiegenden Rest allerdings, der ehrlich und gewissenhaft wie immer jegliche Warnung und Aufklärung standhaft ignorierte, traf es wie ein Schock: Wie aus dem Nichts wurde der bisherige TV-Antennenbetrieb via DVB-T umgestellt auf das ultramoderne DVB-T 2. Eine vollkommen unnötige und inhaltlich sogar gefährliche Än-derung, erlaubt diese nämlich nun den Empfang der meisten Fernsehpro-gramme in hoch auflösendem HD – was auch bedeutet, dass man das ganze Elend jetzt fehlerfrei in bester Qualität ertragen muss, ohne die schützende Hand der verwaschenen Unschärfe, die so manch furchtbares Bild bislang gnädigerweise nur schwer erkennbar auf die Mattscheibe flimmern ließ. Noch unschöner allerdings ist die Tatsache, dass quasi alle mehr als ein Jahr alten Geräte mit der neuen Technik nicht mehr zurechtkommen und gepflegt in die Bio-Tonne gedrückt werden können. Zur Anschaffung neuer Receiver und Fernseher kommt zudem noch die erfreuliche Neuerung, dass – neben der absolut gerechtfertigten und vom Publikum hoch geschätzten GEZ-Gebühr für die hervorragenden und stets zu lobenden öffentlich-rechtlichen Qualitätsprogramme (Zwinkersmiley) – jetzt auch von den doo-fen Privatsendern eine Gebühr von ca 70 Euro jährlich für den Empfang erhoben wird, sonst bleibt die Kiste düster. Zählt man all diese monetären und verkomplizierenden Hürden zusammen, verwundert es nicht dass bis-her noch nicht einmal 20 Prozent der Betroffenen das große Spiel der unge-fragt aufgezwungenen Fernseh-Verschönerung mitspielen. Der größte Teil verzichtet einfach dankend auf die neueste Nötigung, nutzt Internet, Streaming-Dienste oder freiwilliges, ehrliches Pay-TV, liest wieder mal ein gutes Buch oder eine alte TV-Zeitschrift oder lebt einfach so sein eigenes Leben. Das Fernsehen ist schon so lange dabei, sich selbst abzuschaffen – da muss man dem dahinsiechenden Selbstmord ja wirklich nicht bis zum letz-ten Röcheln zuschauen!

Heißer Scheiß

Ein Alptraum wird wahr: In seinem unkontrollierbaren Recycling-Wahn hat der Innovation-Allergiker RTLplus angekündigt, auch den unerträglichen Game-Show-Horror-Klassiker DER PREIS IST HEISS wieder auferstehen zu lassen, in dem ein hysterisch schreiendes Publikum aus konsumgeilen Shopping-Monstern ohne Hirn im Warenkorb genötigt wird, wahllose Produktpreise zu memorieren. Wolfram Kons soll diesmal das sprechende Walross Harry Wijnvoord spielen und lernt gerade fleißig holländischen Akzent. Ob Marktschrei-Legende und Fast-Bundespräsident Walter Freiwald zum Mitbrüllen aus der Geschlossenen entlassen wird, ist bislang noch nicht bekannt.

Nacktes Grauen

Wenn ein verzweifelter Privatsender wie SAT 1 ernsthafte Konsumkritik äußern möchte, sieht das so aus: einem armseligen Häuflein Menschen wird die Wohnung leergeräumt und die Kleidung gemopst. Dann sind sie erst mal komplett nackig, hihi, und damit ist das wichtigste Quotenargument schon mal abgehakt, denn die Sendung heißt schließlich ja auch NACKTES ÜBERLEBEN. Dann gibt es jeden Tag ein Luxus-Leckerli zurück und dazwischen wird ganz viel dummes Zeug gelabert – unterbrochen von ausgedehnten Werbeblöcken mit allerlei stolz präsentierten Konsumgütern. Am Ende wird noch mal staunend intellektuell reflektiert, dass man ja im Leben echt gar nicht so viel braucht wie man so hat. Stimmt, aber ein bisschen mehr Verstand und Menschenwürde sollte man sich schon leisten dürfen!

Einsame Wirte

RTL2 hat vielleicht kein Herz für intelligente Zuschauer, dafür jedoch umso mehr für ungepoppte Randgruppen-Singles. Jetzt helfen sie deshalb den alleinstehenden Gastwirten auf die Sprünge und suchen für sie ein paar passende GV-Gesellinnen. WIRT SUCHT LIEBE heißt der kauzige Verkupplungsversuch nach altbekannt langweiligem Muster, präsentiert in deutsch-ähnlichem lustigen Kauderwelsch von Brigitte Nielsen. Wie heißt ein altes Sprichwort: Wer nichts wird, wird Wirt. Und hast du dann noch Pech dabei, sehen wir dich bei RTL2!


2017-04-22T01:16:44+00:00
Hier schreibt der Chef.

Oliver Kalkofe