576. Die Evolution des Fernsehens (TVS 08/17)


Das Fernsehen. Besser gesagt: das Fernsehgerät. Was dieser kleine Schlingel doch für eine verrückte Entwicklung gemacht hat! Die ganz schön Älteren werden sich vielleicht noch erinnern, wie die ersten klobigen Glotzwürfel in den 50er Jahren aussahen, quasi wie heute eine sehr altmodische kaputte Mikrowelle. Das Bild war klein, schwarzweiß und flimmerte furchtbar. Was allerdings dadurch erträglich blieb, dass es so gut wie keine Inhalte zu zei-gen gab, die ein besseres Bild erfordert hätten, denn meistens saßen nur di-cke alte Männer in einem kargen Studio und laberten bedächtig vor sich hin.Das änderte sich in den frühen 60ern, als plötzlich ein zweites Pro-gramm wie der Blitz in die monopolistische Mini-Medien-Wüste einschlug: ARD 2! Was allerdings schon sehr bald zum gloriosen ZDF umgeändert wurde. Spätestens jetzt wurde es unübersichtlich – der Zuschauer musste sich entscheiden, er brauchte TV-Zeitschriften, es gab Konkurrenz, die Pro-gramme begannen bereits am frühen Nachmittag und gingen manchmal so-gar fast bis Mitternacht. Eine ungesunde Entwicklung für den Zuschauer, der diese erfreuliche Ablenkung allerdings nur allzu gerne über sich erge-hen ließ – obwohl bis 18 Uhr ja eigentlich gearbeitet oder für die Schule ge-lernt werden sollte. Die Gehirne wurden also kleiner, die Fernsehgeräte al-lerdings langsam immer größer. Manche sperrte man gar in komfortable ab-schließbare Kisten, damit Frau und Kinder nicht unbewacht Unfug schauen konnten. Nicht selten zierte eine schmucke Zimmerantenne ihr Haupt wie ein kecker Chapeau, an der gar gern und oft geruckelt wurde, um die zitte-rig-verschlierten Wackelbilder einigermaßen stabil zu halten. Am 25.8.1967 wurden diese sogar farbig, nachdem Kanzler Willy Brandt ver-sehentlich bei der IFA auf einen großen roten Zauberknopf gedrückt hatte. Die Aussicht auf den quietschebunten Augenschmaus ließ die TV-Geräte größentechnisch immer mehr aufquellen, und die Ehegattin wurde als le-bende Fernbedienung durch eine elektronische abgelöst.
Mitte der 80er hielten die ersten zaghaften Versuche der Privatsender Einzug in die bundesdeutschen Haushalte, und die darauf folgenden 90er bescherten dem Medium das goldene Zeitalter: die privaten TV-Stationen schossen wie Pilze aus den Füßen und geizten nicht mit Geld und kreativem Überschwang. Jeder wollte zeigen was er konnte und wie er das zunehmend schnarchige Medium revolutionieren würde. Wir wissen inzwischen: das meiste davon ging mit Karacho in die Hose, aber zumindest der Wille war da! Die Geräte schlossen sich dieser Innovationsfreude nur zu gerne an: der wuchtige Fernsehklotz mit dem fetten Arsch von einst war passé, dank so mancher Schönheits-OP zeigte er sich nun sexy mit breiterem Lächeln, schmalerem Hintern und dickerer Sound. Geilomat.
Inzwischen hat sich alles noch einmal gedreht. Fernsehgeräte gibt es kaum noch, an den Wänden hängen feiste Flatscreens mit der Figur eines magersüchtigen Top-Models und der Größe einer früheren Bahnhofskino-Leinwand. Nur der Inhalt hat sich verabschiedet, denn Herz und Nieren des einst so gesunden Lebenssystems haben sich durch Gier und Übermut selbst verkrüppelt. Der ehemals mediale Volksempfänger wird zunehmend zur reinen Abspielstätte externer Inhalte, während die einst lebenswichtigen Sender tüchtig an ihrer eigenen Bedeutungslosigkeit arbeiten. Womit das TV-Gerät die erste Spezies sein dürfte, die gelernt hat, getrennt von ihrem eigentlichen Organismus zu existieren. Die Evolution sagt: Herzlichen Glückwunsch!

Scandalo Italiano

Im italienischen Fernsehen gab es auf RAI-1 gerade etwas Aufregung wegen einer Talk-Show, die über die Vorzüge von osteuropäischen Frauen gegenüber den langweiligen einheimischen Moppelschnitten informieren sollte. Denn – so stellte es sich dort heraus – die sind gute Hausfrauen, treu und sexy, wimmern und schmollen nicht, verzeihen Fremdgehen und tragen zuhause Minirock statt Jogging-Anzug! Dazu gab es noch ein paar protzige Puffgeschichten von Promis, nur leider keine Preislisten und Bestelladressen. Das führte zu einem immensen Shitstorm gegen den Sender und der sofortigen Absetzung des Formats. RTL hat bereits Interesse für die deutsche Adaption angemeldet.

Schul-Stress

SAT 1 bringt uns eine modrig-frische brandneue Idee, die es erst ganz oft schon vorher gab: Kinder im Wettstreit gegen Erwachsene! Wow. Diesmal mit Luke Mockridge als Moderator und dem ungemein schmissigen Titel LUKE! DIE SCHULE UND ICH – VIPS GEGEN KIDS! Bis der Titel fertig ausgesprochen ist, ist die Sendezeit allerdings vorbei, daher merken wir uns lieber LDSUIVGK – ist einfacher und klingt besser. Es geht um Schulwissen, aber auch ‚körperliche und künstlerische Ertüchtigung‘, was mir schon als Ankündigung Angst macht. Empfehle daher lieber die große Pause um mal richtig abzuschalten!

Eltern-Dating

RTL meint es bekanntermaßen nur gut mit seinen Zuschauern und kümmert sich wieder mal darum, ungepoppte Singles zur möglichen Koital-Verbindung miteinander zu verkuppeln: MEET THE PARENTS! Wie der Titel schon andeutet trifft diesmal allerdings immer ein Alleinstehender auf die Eltern des möglichen zukünftigen Knatter-Kumpels, wobei Mama & Papa für ihr Kind mit Schmackes die Werbetrommel rühren sollen. Und jeder weiß, was dabei nur rauskommen kann… Freuen wir uns auf neue Endgegner-Level im Game of Fremdscham!


2017-04-08T00:26:03+00:00
Hier schreibt der Chef.

Oliver Kalkofe