575. Ich bitte um Aufmerksamkeit! (TVS 07/17)


Die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne des Menschen hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten immens verringert. War man früher noch in der Lage, ganzen Sätzen mit Subjekt, Prädikat und manchmal sogar Objekt vom Anfang bis zum Ende mental zu folgen, so ist man heute… Hallo? Lesen Sie überhaupt noch mit? Okay, ich mach’s kürzer: sehen Sie sich mal Filme oder Serien von damals bis in die späten 80er an. Lange Autofahrten von A nach B und zurück plus Tanken. Langweilige Landschaftsaufnahmen von teilweise sehr langweiligen Landschaften. Rauchende Menschen, die ernst und stumm einander anschauen. Nachdenkliche Gesprächspausen, in denen man bequem das große Geschäft erledigen konnte. Selbst der Trailer eines Actionfilms aus den Siebzigern war langsamer erzählt und geschnitten als heute eine komplette Folge der LINDENSTRASSE. Auch wenn das eigene Leben vielleicht stinklangweilig ist – auf Leinwand und Bildschirm sind wir inzwischen gewohnt, mit gedrücktem Schnellvorlauf zu schauen!

Bücher und Zeitschriften waren früher eng bedruckt, um das Lesen an sich zu einem Moment der intellektuellen Selbst-Geißelung werden zu lassen. Bilder waren ein seltener Bonus, bunt kostete extra, aber man sollte auch nicht zu sehr vom Text abgelenkt werden. Mittlerweile haben wir uns daran gewöhnt, uns meist schon mit einem knalligen Foto plus Überschrift zufrieden zu geben, an guten Tagen nimmt man vielleicht noch die Unterzeile oder das Fazit im letzten Absatz mit. Online-Dienste wie Instagram und Snapchat haben den jungen Menschen derweil endgültig bewiesen dass Worte, Inhalt und Reflexionszeit letztlich sogar komplett überflüssig sind. Twitter als internationales Kommunikationsmedium, bei dem keine Nachricht mehr als 140 Zeichen haben darf, zeigt dass die einstige Kurzsprech-Horrorvision aus Orwells BIG BROTHER auch Spaß machen kann, wenn man ein #Hashtag und lustige Emojis vor wichtige Worte setzen kann. Und spätestens seit der geistig ähnlich stark limitierte US-Präsident Trump seine Privat-Fehden und Staatsgeschäfte über den Zwitscherdienst verrichtet, dürfte es bis zur ersten 140-Zeichen-#DoktorArbeit nur eine Frage der Zeit sein (Zwinkersmiley!).

Wer noch bis an die Zeit vor den Neunzigern zurück denken kann, der wird sich daran erinnern, dass selbst im Radio damals viel geredet wurde. Es gab so genannte ‚Wortbeiträge‘, die sich länger als eine Minute dreißig Sekunden um ein Thema drehen durften, dabei häufig sogar ganz ruhig und unaufgeregt gesprochen und nicht immer so als drohe man vor lauter überkokster Fake-Fröhlichkeit während des nächsten Satzes laut lachend zu explodieren. Um die störenden Sprachanteile zwischen Musik und Werbung noch weiter zu kürzen, werden die ersten Funk&Fun-Stationen demnächst wahrscheinlich nur noch Emotions-Angebote als Befehle zwischen die Titel gebrüllt: Lachen! Mitgefühl! Wow, voll unglaublich! – Dürfte keinen großen Unterschied mehr machen.

Das Gehirn des Menschen ist ein faszinierendes Organ. Es ist zu unbeschreiblich komplexen Gedankengängen und großen kreativen Schöpfungen fähig. Je mehr man es benutzt, desto unbegrenzter sind seine Möglichkeiten. Aber wie ein verspielter Welpe kann es mit einem Stück Wurst und einer Quietsche-Ente stundenlang abgelenkt und eingelullt werden, denn am liebsten liegt es schlafend auf dem Rücken und sabbert. Konzentration strengt irgendwie auch an und Anstrengung ist altmodisch. Ich bitte deshalb um Entschuldigung für diesen ekelhaft langen Text. Das Arsch-Selfie eines lachenden Promi-Models aus dem Urlaub hätte auch gereicht. Ich bete zu Gott, dass Sie nicht wirklich alles gelesen haben!

Kommt mit!

Die geheimen Weltherrschafts-Fantasien der Öffentlich-Rechtlichen hören nicht auf: auch wenn die schunkelnde Infanterie der LUSTIGEN MUSIKANTEN und des MUSIKANTENSTADLs schon lange nicht mehr in die Welt ausrückt, um fremde Länder mit deutschem Unterhaltungs-Horror zu terrorisieren – das ZDF gibt nicht auf! Denn der ZDF-FERNSEHGARTEN begnügt sich nicht mit der einschläfernden Einlullung der früh dösenden Einheimischen, sondern gräbt jetzt auch auf Fuerteventura um und sendet im April den frischen Unterhaltungs-Dung, um auf den Sommer einzustimmen. Während im Hintergrund weiter die internationale Entertainment-Invasion geplant wird.

Schmeißt weg!

Früher hat man alten Kram auf dem Flohmarkt verscherbelt, doofen Verwandten zu Weihnachten geschenkt oder einfach irgendwann weggeschmissen, heute macht man Fernsehsendungen daraus. Trödel-Shows boomen wie verrückt, auch wenn keine Sau versteht, warum eigentlich. Auf jeden Fall erwartet uns nach BARES FÜR RARES auf ZDFneo demnächst das neue Krimskrams-Quiz CLEVER ABGESTAUBT mit Steven Gätjen und auf RTL2 zusätzlich zum alt bewährten TRÖDELTRUPP nun auch noch SCHÄTZ DICH REICH – DAS TRÖDEL-QUIZ mit Moderiermaschine Giovanni Zarrella. Willkommen beim Mülltüten-TV!

Malt an!

Der einstige Frauensender SIXX wird mehr und mehr zum Spezialsender für farbig geritzte Körper-Krickeleien. Freitags jedenfalls gibt es demnächst Tattoo-Formate nonstop vom frühen Abend bis in die tiefe Nacht: Erst INK MASTER, dann TATTOO SHOCKERS gefolgt von BODYSHOCKERS und zwei Folgen TATTOO NIGHTMARES – danach die ganze Schleife noch mal wiederholt und am Ende gekrönt von HORROR TATTOOS. Wer sich danach nicht laut schreiend selbst mit einem heißen Filzstift die Genitalien bemalt und die Perso-Nummer in den Hintern ritzt, hat nichts begriffen!


2017-03-25T01:16:00+00:00
Hier schreibt der Chef.

Oliver Kalkofe