572. Baustelle Mensch (TVS 04/17)


Schaut man sich die Menschen um sich herum so an oder wagt gar einen mutigen Blick auf den eigenen Körper, so merkt man dass dieses merkwürdige Fleisch-Knochen-Konstrukt sehr wohl faszinierend und funktional, ästhetisch jedoch keineswegs perfekt geraten ist. Hier zu dick, da zu dünn, an der einen Stelle zu viele Haare, an der anderen zu wenig, ein Teil zu groß, einer zu klein, hier schief, da verzerrt, dort nicht wirklich ebenmäßig. Sagen wir es ganz offen: die meisten herkömmlichen Körper, die so in der Gegend herumlaufen, sind komplett vermurkst. Was irgendwie individuell unbefriedigend ist, denn es geht ja theoretisch auch perfekter, wenn man so durch die Zeitschriften blättert, Germanys Next Top-Model – Suche verfolgt oder den posenden Grinse-Girlies auf den Roten Teppichen der Glamour-Welt zuschaut. Glücklicherweise ist der unzufriedene humanoide Zellhaufen heutzutage nicht mehr dazu gezwungen, sich mit den eigenen physischen Unzulänglichkeiten zufrieden zu geben, da ganze Body-Pimp-Industrien bereit stehen, korrigierend bis optimierend einzugreifen.

Auch wer in den letzten Wochen die Abenteuer der zwölf verzweifelten Prominenz-Darsteller im australischen RTL-Busch verfolgt hat, konnte jede Menge Beispiele mal mehr oder weniger gelungener menschlicher Konstruktionsversuche beobachten. An Gesichtslähmung erinnernde Botoxbetäubungen der Visagenmuskulatur, die eine Art maskenhafte Frische vortäuschen sollen. Bizarr aufgepumpte Lippen im Schwimmflügel-kurz-vor-dem-Platzen-Look gepaart mit unnatürlich gewaltsamen Augenschlitz-Straffungen zur Vermeidung menschlicher Mimik. Medizinball-große Brust-Parodien, mit denen man durch einfaches Ausnutzen der Schwerkraft angreifende Tiere und kleine Männer erschlagen könnte. Rund gespritzte Kugelärsche und schmal gesaugte Schenkel. Bis auf Rutschgefahr rückstandsfrei rasierte und glatt gewaxte Intimbereiche. Ganzkörper-Tattoos in Form von kryptischen Schriftzügen, ausgedachten Symbolen und großflächig wild vollgekrickelten Hautpartien als Entertainment-Angebot an alle Beziehungspartner, die beim Sex auch gern was nebenbei lesen, Sterne ausmalen oder Bilderrätsel lösen.

Kaum mehr eine Körperstelle lässt sich finden, die inzwischen nicht operativ umgestaltet werden kann und meist auch wird. Manchmal verständlich, verschönernd und dezent, immer öfter aber wahnhaft, exzessiv und massiv verschlimmernd. Meist angetrieben durch die Hoffnung, durch ein perfekt gemeintes Äußeres bzw. übertriebenes Pimpen der optischen Schlüsselreize endlich von der eigenen inneren Leere ablenken zu können, Anerkennung und Beachtung zu finden oder wenigstens einen kurzfristig interessierten Sexualpartner. Wenn man ganz viel Glück hat oder bereit ist, sich in den Bereich Frankenstein’scher Fickfantasie-Groteske umnähen zu lassen, kommt man damit vielleicht sogar ins Fernsehen bis zu Promi Big Brother oder ins Kaputten-Camp, sei es auch nur um landesweit ausgelacht zu werden.

Sollte Gott den Menschen wirklich nach seinem Ebenbild geformt haben, hatte er damals wahrscheinlich Sehstörungen, schlechte Beauty-Berater oder einfach einen ziemlich schrägen Humor. Allerdings sollte er sich schon mal auf eine baldige Sammelklage mit gepfefferten Schadensersatzansprüchen gefasst machen. Denn so einen Pfusch am Bau muss man heutzutage zum Glück ja nicht mehr widerspruchslos hinnehmen!

Hüpfburg-TV

Auf den ersten Blick erscheint eine gigantische Trampolin-Spring-Show vielleicht nicht wie das nächste große Ding in der TV-Abendunterhaltung. Wenn allerdings RTL dafür mit bombastischen Trailern trommelt, das Ganze BIG BOUNCE nennt und dafür mutig ihr immergleiches Sendeschema unterbricht, dann muss sich ja irgendwer was dabei gedacht haben. Sollte zumindest. Wahrscheinlich eh nur geplant als Intro zur noch fetteren SCHWEBEBALKEN-SHOW, THE BIG BOCK-JUMP und DAS GROSSE PROMI-BÄLLEBAD!

Promi-Fake-Dating

Auf RTL2 müssen demnächst ganz normale Nicht-Promis so tun, als wären sie mit einem abgelegten Trash-Promi zusammen. Dann müssen sie von Kameras verfolgt ihre Umwelt davon überzeugen, mit Granatentitti Micaela Schäfer, Dschungel-Gollum Walter Freiwald oder Luder-Ikone Jenny Elvers liiert zu sein – und wenn sie das zwei Tage lang durchhalten ohne vor Scham zu schmelzen, gewinnen sie 10.000 Euro. ICH LIEBE EINEN PROMI heißt das hämische Hardcore-Horror-Format, das vom Sender allerdings als Comedy verkauft wird.

Curling

Immer wenn man denkt, dass absolut jede noch so popelige Sportart nun aber wirklich schon mit irgendwelchen nur so halbwegs bekannten Pseudo-Promis als Mega-Event durchexerziert wurde, kommt ein irgendein Murkelsender um die Ecke und haut noch einen raus, obwohl wirklich niemand darum gebeten hatte. Diesmal haben sie CURLING gefunden, so eine Art gebücktes Besenstiel-Boccia auf dem Eis, so präzise wie langweilig. Ende Februar dann als großer PROMI CURLING ABEND mit Parallelwelt-Superstars wie den Trash-TV-Trantüten des Trödeltrupps, Scheidungs-Promi Pietro Lombardi und anderen glanzlosen Glamour-Gurken bei RTL2. Ich hoffe ich kann vor Aufregung überhaupt noch schlafen! Wird sonst aber spätestens bei der Sendung klappen…


2017-02-12T18:03:35+00:00
Hier schreibt der Chef.

Oliver Kalkofe