546. Deutschland nach dem Dschungel (TVS 05/16)

Jedes Jahr Anfang Februar hat es die Medienwelt nicht leicht: Worüber um alles in der Welt soll man jetzt bloß noch berichten? 14 Tage überstandenes Dschungelcamp lasten auf den Schultern der Republik und haben die deutsche Realität geformt und geprägt. Während dieser Zeit gab es wie stets kaum ein freies Plätzchen in den medialen Boulevard-Spalten ohne Bezug zu den freiwillig eingepferchten Promi-Luftpumpen. Ganz plötzlich ist sie dann aber auch wieder vorbei, die wundervolle Zeit des Schlagzeilen-Schlaraffenlands, in der sich der faule Journalist die prallbunten Peinlichkeiten nur so von den Palmen pflücken musste und ihm die Themen mühelos wie Müll und Honig direkt in die Tastatur flossen. Gut, ein paar Tage lang gelingen noch einige halbherzig aus den Kadavern kopierte Nachberichterstattungen, dann aber ist der faulige Fluss der blühenden Belanglosigkeiten versiegt. Und schon fragen wir uns alle: Was bleibt eigentlich aus dem Bekloppten-Busch? Welche nichtig-nutzlosen Nullnummern der diesjährigen Restpromi-Landverschickung werden wir ungewollt auf unserer Gedächtnis-Festplatte speichern? Ex-DSDS-Dauerloser Menderes wurde dank seiner sympathischen Naivität zum Dschungelkönig der Herzen, Kampfglatze Legat bescherte der Nation den neuen Power-Schlachtruf KASALLA!, Lady Wollersheim gewährte uns einen Blick auf die zerbrechliche Silikon-Seele hinter den planetengroßen Nuklearbrustkörpern, Evolutions-Anwärter Ortega entführte uns in bislang unbekannte Dimensionen übermenschlicher Dusseligkeit, und unsympathische Biestigkeit wird ab sofort in der neuen Maßeinheit FÜRST gemessen. Das war’s dann aber auch schon.
Bleibt nur die daraus resultierende Frage: Welche dumme Sau bietet sich jetzt an, um sich freiwillig pressewirksam durchs Dorf treiben zu lassen? Der jährlich glitschiger werdende Bachelor-Lutschlappen verspricht ebenso wenig aufregende Skandale wie die liebestollen Schweinebauern und Schwiegertochter-Begattungs-Anwärter von der RTL-Resterammler-Rampe. Auch die Frage, ob gerade ein neuer Superstar, eine Handpuppe oder ein Tischmülleimer gecastet wird, geht uns allen inzwischen meilenweit am Gesäß vorbei. Momentan liegen daher alle Hoffnungen für verlässliche Headlines der Knallerklasse mit Wow-Effekt auf der gerade sehr beliebten Hetz & Fun – Partei AfD (so eine Art NPD mit Schulabschluss). Kein Tag vergeht derzeit ohne Meldungen über absurd alberne Polit-Forderungen oder hochnotpeinliche Talk Show-Auftritte mit sich dazu exponentiell vermehrenden Schlagzeil-Lawinen. Wahrscheinlich anfangs konzipiert als nassforsche Parodie auf rechtspopulistische Extremparteien, hat sich die Alternative für Doofheit inzwischen verselbstständigt und erreicht trotz aggressiver Inhaltslosigkeit bisweilen bizarr hohe Umfragewerte. Wer aus diesem Dschungelcamp der Politikverdrossenen vor seiner Abwahl durch das Publikum vorzeitig aussteigen möchte, tätigt einfach den bekannten Ausruf: ‚Ich hab ein Hirn – holt mich hier raus!’

Verkupplungs-Overkill

Bei der diesjährigen Format-Inventur wurde bei RTL bemerkt, dass man zu viele Kuppelformate für übrig gebliebene Randgruppen-Singles im Bestand hat. Deshalb entschied man, sofort ein weiteres an den Start zu bringen, um endlich viel zu viele Kuppelformate zu besitzen. Denn nur mit einer absurd ungesunden Überproduktion kann man dem Publikum auch wirklich flächendeckend auf den Sack gehen. Freuen wir uns deshalb auf HERZ ZU VERSCHENKEN – EINE CHANCE FÜR DIE LIEBE. Das Konzept: Übrig gebliebene Randgruppen Singles suchen nach… ach, das kennen Sie ja schon!

Stadl-Vernichtung

Die ARD hat es in Kooperation mit ORF & SRF endlich geschafft mit dem selbst verschuldeten WETTEN DASS – Debakel des ZDF gleichzuziehen. Mit vereinten Kräften gelang es, innerhalb kürzester Zeit den seit Jahrzehnten erfolgreichen MUTANTENSTADL erst gedankenlos kaputt zu renovieren und dann ganz schnell in völliger Hilflosigkeit komplett abzusetzen. Um aber noch unprofessioneller als das Zweite abzuschneiden, trat man hier jedoch sogar noch mal nach und gab posthum dem geschassten Andy Borg wegen Verjüngungs-Unwillen die Mitschuld am Untergang. Schämt’s Euch, Ihr Stadl-Mörder!

Löwen-Verwilderung

Die HÖHLE DER LÖWEN auf VOX hat ein neues Raubtier im Gehege. Nachdem zwei der naseweisen Wirtschafts-Wildtiere ihren Hut nahmen, holte man sich als Ersatz nun gewissermaßen den T-Rex der fleischfressenden Finanzmonster in den Zwinger: Carsten Maschmeyer – keineswegs unumstrittener Ex-Vorstandsvorsitzender des vielleicht noch umstritteneren Finanzdienstleisters AWD aus dem ebenfalls umstrittenen Umfeld der Hannover-Haifische. Erhöht in der Öffentlichkeit zwar weder die Sympathie- noch Glaubwürdigkeits-Werte des Programms, bringt aber vielleicht gute Quoten, weil die Zuschauer hoffen dass die Löwen sich gegenseitig fressen!

2017-02-10T01:40:01+00:00

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